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Dritter Teil,
leben. Aber jedenfalls zeigt sie die dringende Notwendigkeit,
unsere heidnischen Anschauungen, unseren Individualismus in
bezug auf die Familie durch einen sozialeren, christlicheren
Standpunkt zu ersetzen. Wir müssen das Kind zum Mittelpunkt
der Familie machen und mit allen Mitteln das Kind und das
Familienleben gegen heidnische und materialistische Anschau-
ungen schützen‘ 197,
Ein besonders gefährliches Element besteht in der in Amerika
häufig angewandten Eheversicherung gegen Scheidung, Die Ehe-
versicherung hat für die Frau zweifellos den großen Vorzug, sie
ökonomisch zu stützen, d. h. sie eine unlieb gewordene Ehe ohne
die Befürchtung eines mit der Auflösung der Ehe eventuell
verbundenen finanziellen Ruins lösen lassen zu können. Die Ver-
ringerung dieser Gefahr durch die Eheversicherung würde die
197 Die immer mehr überhand nehmende Mode reicher Amerikaner, ihre
Ehen in Paris scheiden zu lassen, hat dem Pariser Rechtsanwalt und Ehe-
scheidungsspezialisten Adrien de Pachmann, Sohn des berühmten Pianisten
und Stiefsochn des Dreyfus-Verteidigers Labori, eine reiche Praxis ein-
gelragen; er, der es wissen muß, hat sich kürzlich einem Vertreter der „New
York Evening Post‘ gegenüber recht abfällig über seine Klienten aus-
gesprochen: „Unglaublich ist die Leichtigkeit, mit der die Amerikaner eine
Ehe schließen und wieder aufgeben. Sie heiraten ohne Vorbedacht, und sie
lassen sich ohne Nachdenken scheiden. Unter Leichtigkeit verstehe ich den
offensichtlichen Mangel an Bedauern. Ich habe niemals einen amerikanischen
Klienten, Mann oder Frau, zusammenbrechen sehen; selten daß einer einmal
ein wenig traurig aussieht. Sie kommen hieher mit hoffnungsvollen Blicken,
so wie man wegen eines Leidens zum Arzt geht; aber sie sind, das können
Sie mir glauben, vergnügter als kranke Leute! Und nachdem sie fröhlich
die erforderlichen Schriftstücke unterzeichnet haben, eilen sie davon — ver-
mutlich zum Schneider, zur Putzmacherin, zu den Kabaretts von Mont-
martre, zu den tausend Zerstreuungen, die Paris einem gebrochenen Herzen
bietet. Aber ich erinnere mich nicht an ein gebrochenes amerikanisches
Herz, Lustig ist dabei die echt amerikanische Vorstellung, daß eine ständige
Prozession von Scheidungslustigen aus Amerika nach Paris zieht. In Wirk-
lichkeit werden durchschnittlich im Jahr nur etwa hundert amerikanische
Ehen in Paris geschieden. Man hört nur deswegen so viel von ihnen, weil
die Betreffenden gewöhnlich bekannte Angehörige der amerikanischen Ge-
sellschaft sind.‘