46
keinen Begriff ohne vorausgegangene Vorstellung und keine
Idee ohne vorausgegangene Begriffe geben kann. Daher er
blickt auch der vernünftig Denkende in dem persönlichen Verkehr
des Moses mit Gott, sowie in dem Verkehr der menschlich ge
dachten Götter des Alterthums mit dem Menschen nichts
Anderes als eben den natürlichen Entwickelungsgang des mensch
lichen Wesens. Er weiß recht wohl, daß die Götterlehre ihren
Ursprung in dem lebendig-religiösen Bewußtsein der noch kind
lichen Menschheit hat, das allenthalben in der Natur, wo
Leben, Licht und Kraft erschien, eine Offenbarung der Gottheit
erblickte.
Da das Princip der Gottheit kein Gegenstand der Vor
stellung sein kann, so wird ebensowenig Gott ein Begriff genannt
werden können, sonst müßte man die göttlichen Eigenschaften
für begreiflich erklären, was aber unmöglich ist, weil Gott kein
endlich zu umfassendes Wesen ist.
2. Die meisten Vertreter der materialistischen Weltanschauung
nehmen die Welt als etwas Zufälliges an, dies ist grundfalsch,
denn nach den Denk- und Erfahrungsgesetzen hat Alles, also
auch das angeblich Zufällige, eine Ursache, es muß mithin
auch die Welt eine Ursache haben. Sollte nun diese Ursache
auch wieder eine zufällige sein und man für diese ebenfalls
wieder eine weitere Ursache annehmen uitb so immer fort, ohne
Ende, so muß man doch schließlich an Einer Ursache stehen
bleiben und annehmen, sie sei das Gegentheil des Zufälligen,
nämlich das Nothwendige, was durch sich selbst da ist. Und
diese nothwendige Ursache der Welt ist eben Gott selbst.
Das Dasein Gottes zu leugnen, wäre ebenso unsinnig, als
wenn man Wirkungen ohne Ursachen für möglich halten wollte.
Die Gewißheit von dem Dasein Gottes kann von Skeptikern
allenfalls aus dem Grunde angezweifelt werden, weil sic sich
von dem Wesen Gottes uitb dessen Ursprung keine Vorstellung
zu machen im Stande sind.