Dichtung.
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über die Forderung von sogenannten Gedanken in der Dichtung
erklärt, daß ein dichterisches Erzeugnis, sei es ein einfaches
Lied oder die künstlerisch vollendetste Tragödie, niemals etwas
anderes bedeute als „die Antwort des Dichters auf einen Reiz“.
Darnach bestand das Geheimnis der poetischen Formgebung,
im weitesten Sinne dieses Wortes, eigentlich darin, gewisse
Klänge, Farben, Eindrücke des Tastgefühls ganz unabhängig
vom Sinne in der Sprache so wiederzugeben, daß gewisse
Empfindungen, die der Dichter hatte, eben durch ihre Zu—
sammenstellung auf den Hörer übertragen wurden. Und hierbei
ergab sich denn bald, daß bei entschiedener Folgerichtigkeit einer
solchen Anschauung die Dichtung zur bloßen Dienerin von
Sensationen wurde.
Nun wirken aber diese Sensationen nur auf gewisse,
wesentlich intellektuell gefärbte Momente unserer Seele, wie sie
denn auch durch Selbstbeobachtung, einen mehr oder minder
rationalen Vorgang, empfangen werden. Man darf sich in
diesem Urteil, das jede Lektüre oder jedes Hören rein psycho—
logisch- oder gar neurologisch-impressionistischer Gedichte ergiebt,
nicht durch die Wörter Traum, Geheimnis, Rätsel, ja auch
Sehnsucht täuschen lassen. Diese Wörter, wie sie die Dichter
dieser Kunst überaus häufig gebrauchen, drücken im Grunde nur
aus, daß die neuen Sensationen eben erst jüngst und darum
überraschend ins Bewußtsein gehoben sind oder wohl gar erst
noch gesucht werden. Am allerwenigsten jedenfalls wirken diese
Gedichte an sich ethisch oder gar religiöss. Die Gefühle des
oberen sittlichen Niveaus, die Gemeingefühle für Familie,
Heimat, Vaterland, Menschheit, Gott und Welt werden nur
matt erregt; die reine Sensationslyrik verhält sich zu ihnen
der Regel nach gleichgültig.
Um es mit einem Wort zu sagen: der folgerichtige Natu—
ralist der bloßen Reizdichtung zeigt der Absicht nach fast noch
mehr als der physiologische Impressionist etwas von der
wissenschaftlichen Strenge des Forschers und sucht sich darum
jener persönlichen Einflußsphäre zu entwinden, die des Dichters
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