fullscreen: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Dichtung. 
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über die Forderung von sogenannten Gedanken in der Dichtung 
erklärt, daß ein dichterisches Erzeugnis, sei es ein einfaches 
Lied oder die künstlerisch vollendetste Tragödie, niemals etwas 
anderes bedeute als „die Antwort des Dichters auf einen Reiz“. 
Darnach bestand das Geheimnis der poetischen Formgebung, 
im weitesten Sinne dieses Wortes, eigentlich darin, gewisse 
Klänge, Farben, Eindrücke des Tastgefühls ganz unabhängig 
vom Sinne in der Sprache so wiederzugeben, daß gewisse 
Empfindungen, die der Dichter hatte, eben durch ihre Zu— 
sammenstellung auf den Hörer übertragen wurden. Und hierbei 
ergab sich denn bald, daß bei entschiedener Folgerichtigkeit einer 
solchen Anschauung die Dichtung zur bloßen Dienerin von 
Sensationen wurde. 
Nun wirken aber diese Sensationen nur auf gewisse, 
wesentlich intellektuell gefärbte Momente unserer Seele, wie sie 
denn auch durch Selbstbeobachtung, einen mehr oder minder 
rationalen Vorgang, empfangen werden. Man darf sich in 
diesem Urteil, das jede Lektüre oder jedes Hören rein psycho— 
logisch- oder gar neurologisch-impressionistischer Gedichte ergiebt, 
nicht durch die Wörter Traum, Geheimnis, Rätsel, ja auch 
Sehnsucht täuschen lassen. Diese Wörter, wie sie die Dichter 
dieser Kunst überaus häufig gebrauchen, drücken im Grunde nur 
aus, daß die neuen Sensationen eben erst jüngst und darum 
überraschend ins Bewußtsein gehoben sind oder wohl gar erst 
noch gesucht werden. Am allerwenigsten jedenfalls wirken diese 
Gedichte an sich ethisch oder gar religiöss. Die Gefühle des 
oberen sittlichen Niveaus, die Gemeingefühle für Familie, 
Heimat, Vaterland, Menschheit, Gott und Welt werden nur 
matt erregt; die reine Sensationslyrik verhält sich zu ihnen 
der Regel nach gleichgültig. 
Um es mit einem Wort zu sagen: der folgerichtige Natu— 
ralist der bloßen Reizdichtung zeigt der Absicht nach fast noch 
mehr als der physiologische Impressionist etwas von der 
wissenschaftlichen Strenge des Forschers und sucht sich darum 
jener persönlichen Einflußsphäre zu entwinden, die des Dichters 
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