104° Die Sabotage der Reparationszahlung durch den Mechanismus der Weltwirtschaft.
Zetergeschrei auslösen, aber man würde sich sehr bald beruhigen und dann „auf
uns zukommen müssen‘, denn das Ausland ist mit den einmal existent gewordenen
Forderungsrechten beglückt, es kann sie gar nicht abstoßen; selbst wenn nur 1%
bezahlt würde, müßte es in. seinem Besitz bleiben, und die deutsche Währung kann
es nicht zerstören.
Zugleich müßte man sich in Deutschland die fast krankhafte, aus dem Fehl-
denken der Inflationszeit stammende Angst vor Valuta-Verschuldung, also der Kredit-
tontrahierung in fremden Geldeinheiten abgewöhnen. In der Inflation bedeutete die
Kreditkontrahierung in Mark, daß man seine Gläubiger später im wesentlichen nicht
zu bezahlen brauchte, die Kontrahierung in Valuta dagegen, daß man bezahlen
mußte, selbst wenn. die eigenen Debitoren, weil auf Mark-Basis gestellt, nicht zahlten,
deren Eingänge also nicht zur Verfügung standen, um daraus die Kreditoren zu
lecken. Die Markkredite paßten mithin zur Umwelt, gewissermaßen zu dem, was
„verkehrsüblich‘“ war, während Kredite auf Devisenbasis sich, an dem Verkehrs-
üblichen gemessen, sehr unangenehm auswirken konnten. Dieses war der Tat-
bestand. Da es jetzt wieder verkehrsüblich geworden ist, seine Schulden zu bezah-
len, man also. von seinen Debitoren den vollen Geldwert zurückerhält, besteht keine
Gefahr mehr, wenn man nun auch seinen Gläubigern Valutakontrahierung und
damit nach deren Meinung unter allen Umständen volle Rückzahlung zusichert. Daß
volkswirtschaftlich, also für alle zusammen, genügend „Devisen“ zur Verfügung
stehen werden, um auf der Rechtsbasis „Valuta-Kontrahierung‘““ Schulden zurück-
zuzahlen, darum braucht sich der einzelne, wie wir in Kapitel 1 gesehen haben,
wahrlich nicht zu sorgen. 1).
1) S. hierzu auch Alfred Lansburgh im Oktober-Heft 1927 seiner Zeitschrift „Die
Bank“. Nachdem er ausgeführt hat, daß die Reichsbank gewissermaßen in unnatürlicher
Weise auf den Notendeckungsfonds zur Bezahlung des Passivsaldos der Handelsbilanz habe
zurückgreifen müssen, fährt er fort: „Solchen Rückgriff hat man in frühern Perioden analoger
Gestaltung der Handelsbilanz nicht gekannt. In den Hochkonjunktur-Phasen der letzten drei
Jahrzehnte vor dem Krieg sind die Mittel zur Bezahlung der Mehreinfuhr allerdings auch nicht
ohne weiteres vorhanden gewesen; es ist vielmehr regelmäßig zu einer gewissen Klemme mij
steigenden Wechselkursen und noch weit stärker steigenden Zinssätzen gekommen. Aber
liese Klemme hat jedesmal die Wirkung gehabt, daß das fehlende Geld, angezogen durch .die
Doppelprämie des hohen Zinses und des günstigen Wechselkurses, kurzfristig vom Ausland
hereingeströmt ist — meist in der Form der sogenannten Pensionsnahme deutscher Wechsel —,
sodaß der deutsche Importhandel schließlich immer die Devisen vorfand, die er zur Ab-
deckung des Mehrimports brauchte. Auch diesmal würde sich die deutsche Wirtschaft die
erforderlichen Mittel auf die entsprechende Weise haben beschaffen können. Ja, die Be-
schaffung würde ihr diesmal sogar noch erheblich leichter gefallen ‚sein als in den frühern
Parallelfällen, denn noch niemals ist das Auslandkapital bereit gewesen, sich Deutschland und
andern vertrauenswürdigen Ländern in solchem Umfang zur Verfügung zu stellen wie während
des ersten Halbjahrs 1927, Aber die deutsche Wirtschaft ist systematisch daran gehindert
worden, sich diese Leihbereitschaft des Auslands zu nutze zu machen, zuerst durch künst-
liches Herunterdrücken des Zinsfußes unter den Stand, der einen Anreiz auf das Aus-
jandgeld hätte ausüben können, dann durch die Verhängung eines „Embargo‘“ auf
jas langfristige Auslandkapital (durch grundsätzliche Verweigerung des Nach-
lasses der Kapitalrentensteuer), endlich durch Brandmarkung der kurzfristigen Auslandkredite
als einer Gefahr für die Liquidität der Wirtschaft und die Stabilität der Währung. Die selbst-
verständliche Folge war, daß derjenige Teil der deutschen Mehreinfuhr, der sich nicht mit den
allen diesen Erschwernissen zum Trotz einfließenden Auslandkrediten kompensierte, dem
Ausland bezahlt werden mußte.‘ *