Vorwort des Herausgebers,
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genau der gleiche, sondern ein etwas weiter entwickelter Anfang.
Auch die kapitalistische Gesellschaft bildet einen immer wieder-
kehrenden Kreislauf der Produktion, nur wer diesen voll begriffen
hat, wird jeden einzelnen ihrer Faktoren begreifen. Ein Buch aber
kann keinen Kreislauf bilden, es muß einen Anfang haben und ein
Ende. So wie die Wirklichkeit, die es zu fassen sucht, wird man es
jedoch nicht völlig verstehen, wenn man es nicht auch als Kreis-
lauf auffaßt — das heißt, wenn man nicht, nachdem man es zu Ende
gelesen, noch einmal von vorn beginnt. Wenigstens gilt das für alle
Bücher, die so umfangreich sind und deren Basis so neu, daß man
unmöglich nach einmaliger Lektüre ihren Gesamtinhalt im Kopfe
haben kann.
Schopenhauer hat einmal eine ähnliche Auffassung entwickelt,
allerdings rein idealistisch von dem Wesen des Gedankens,
nicht der Wirklichkeit ausgehend. Er sagt: ;
Ein System von Gedanken muß allemal einen architektonischen
Zusammenhang haben, das heißt einen solchen, in welchem immer ein Teil
den andern trägt, nicht aber dieser auch jenen, der Grundstein endlich alle,
ohne von ihnen getragen zu werden, der Gipfel getragen wird, ohne zu
tragen. Hingegen ein einziger Gedanke muß, so umfassend er auch
sein mag, die vollkommenste Einheit bewahren. Läßt er dennoch, zum
Behufe seiner Mitteilung, sich in Teile zerlegen, so muß doch wieder der
Zusammenhang dieser Teile ein organischer, das heißt ein solcher
sein, wo jeder Teil ebenso das Ganze erhält, als er vom Ganzen gehalten
wird, keiner der erste und keiner der letzte ist, der ganze Gedanke durch
jeden Teil an Deutlichkeit gewinnt und auch der kleinste Teil nicht völlig
verstanden werden kann, ohne daß das Ganze vorher verstanden sei. —
Ein Buch muß inzwischen eine erste und eine letzte Zeile haben und wird
insofern einem Organismus allemal sehr unähnlich bleiben, so sehr diesem
ähnlich auch immer sein Inhalt sein mag: folglich werden Form und Stoff
hier im Widerspruch stehen.
Es ergibt sich von selbst, daß unter solchen Umständen zum Eindringen
in den dargelegten Gedanken kein anderer Rat ist, als das Buch zwei-
malzu lesen, und zwar das erste Mal mit viel Geduld, welche
allein zu schöpfen ist aus dem freiwillig geschenkten Glauben, daß der
Anfang das Ende beinahe so sehr voraussetze, als das Ende den Anfang,
und ebenso jeder frühere Teil den späteren beinahe so sehr als dieser
jenen. Ich sage „beinahe“; denn ganz und gar so ist es keineswegs, und
was irgend zu tun möglich war, um das, welches am wenigsten erst durch
das folgende aufgeklärt wird, voranzuschicken, wie überhaupt, was irgend
möglich, zur leichten Faßlichkeit und Deutlichkeit beitragen konnte, ist
redlich und gewissenhaft geschehen; ja, es könnte sogar damit in gewissem
Grade gelungen sein, wenn nicht der Leser, was sehr natürlich, nicht bloß
an das jedesmal Gesagte, sondern auch an die möglichen Folgerungen dar-
aus, beim Lesen dächte, wodurch außer den vielen wirklich vorhandenen
Widersprüchen gegen die Meinungen der Zeit und mutmaßlich auch des
Das Kapital. I.
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