304 Dr. G. Freiherr v. Pechmann:
ein Modell die Form bis in alle Einzelheiten festzulegen. Jetzt
entwickelte sich der Stand der „Entwerfer‘, die mit dem Arbeitsprozeß
nichts zu tun hatten, Die formschaffende Arbeit vollzog sich ganz auf
dem Papier, und so entstanden Dinge, die handwerklich gedacht waren,
häufig sogar alte Handwerksarbeit zum Vorbild hatten, dann aber der
Maschine zur Ausführung übergeben wurden. Solche Erzeugnisse
mußten , notwendigerweise an einer inneren Unwahrhaftigkeit leiden
und konnten deshalb einem kultivierten Geschmack nicht genügen. Mit
Recht hielt man solchem Talmi-Kunstgewerbe die Erzeugnisse der
Ingenieurkunst entgegen, wo Entwurf und Ausführung aus dem gleichen
modernen Geist geboren waren und deshalb als Zeugnisse einer neuen
technischen Formschönheit erschienen. Erzeuger und Verbraucher
müssen sich heute zu der klaren Erkenntnis durchringen, daß von dem
maschinell hergestellten Gebrauchsgegenstand eine andere Art von
Schönheit verlangt werden muß als von dem handwerklich und künst-
lerisch durchgebildeten Einzelstück, Für die Formgebung der Hand-
arbeit haben sich die Voraussetzungen seit Jahrtausenden nicht ge-
ändert; hier wird es sich immer darum handeln, das Erzeugnis durch die
ganz persönliche Einwirkung des Schaffenden zu beseelen, es nach
Möglichkeit zu jener Höhe zu erheben, wo es als Kunstwerk zu wirken
beginnt. Für die Formgebung maschineller Arbeit bedarf es
auf seiten des Entwerfers einer klugen Einsicht in das Wesen der
Maschine; er wird sich beschränken müssen, gediegene, zweckmäßige
und geschmackvolle Arbeit zu leisten und auf alle Wirkungen zu ver-
zichten, die der Maschine nicht gegeben sind.
6. Die Erziehung zur Qualitätsarbeit. Die Schulverwaltungen aller
Kulturstaaten haben in den letzten Jahrzehnten die Erkenntnis ge-
wonnen, daß es zu den wichtigsten Erziehungsaufgaben unserer Zeit
gehört, in der heranwachsenden Jugend das Gefühl und das Ver-
ständnis für wirkliche Qualitätsarbeit zu wecken. Die älteren Unter-
richtsmethoden, welche einseitig die Ausbildung des Intellekts ver-
folgten, werden in der Gegenwart überall durch die Grundsätze des
Arbeitsunterrichts verdrängt, Sein Ziel ist die Vergegenständlichung
des Unterrichts, Lernen durch das Auge statt wie bisher durch das Ohr,
Begreifen mit der Hand statt des ausschließlichen Begreifens im Kopfe.
In fortgeschrittenerem Alter dient den gleichen Aufgaben der eigent-
liche Werk- oder Handwerksunterricht, dem sich sodann die Aus-
bildung in gewerblichen Fortbildungsschulen, in Fachschulen und —
für künstlerisch Begabte — in den Kunstgewerbeschulen anschließt,
Während aber heute für die unteren Gruppen der arbeitstätigen Kreise
der Werkunterricht fast überall durchgeführt ist, fehlt es an gleich-
artigen Bildungsmitteln für die geistigen Leiter der Produktion, für die