234 VIL Großhandel und Großhändler im Lübeck des 14. Jahrhunderts
die Warendorp — tritt eine geschäftliche Ermüdung ein. Abermals bildet
sich eine Rentnerschicht. Und diesmal mit besserem Glück als zu Ende des
13. Jahrhunderts, Sie ist, um sich zu behaupten, zu weitgehenden Kon-
zessionen an die wirtschaftlichen Anschauungen der Krämer und Zünfte
bereit, und damit beginnt ein neuer und grundsätzlich andersgearteter
Abschnitt im Wirtschaftsleben der Stadt.
ANMERKUNGEN ZU VII:
GROSSHANDEL UND GROSSHÄNDLER IM LÜBECK DES
14. JAHRHUNDERTS
1) Dieser Aufsatz gibt einen Vortrag wieder, den ich 1925 zunächst in Lübeck, dann
auf der Pfingsttagung des Hansischen Geschichtsvereins in Köln hielt, und im Herbst
in Hamburg und Kiel wiederholte, Im Text habe ich kaum Änderungen vorgenommen,
dagegen in den Noten die notwendigsten Beziehungen zur Literatur hergestellt. Für den
Nachweis der Lübecker Quellen im einzelnen muß ich auf meine später erscheinende
„Sozial- und Verfassungsgeschichte Lübecks bis zur Ausbildung der geschlossenen Stadt-
wirtschaft‘‘ verweisen, für die dieser Aufsatz wie auch mein „Markt von Lübeck“ und
meine Bearbeitung des ‚,ältesten erhaltenen deutschen Kaufmannsbüchleins‘ als Vor-
arbeit gewertet werden wollen. .
2) W. Vogel, Geschichte der deutschen Seeschiffahrt, Bd. I, S. 222.
3) Dies ist das Bild, das 1847 C. W. Pauli, Lübeckische Zustände im Mittelalter, Teil I,
S. 137f., entworfen hat, und zwar für den mittelalterlichen lübeckischen Kaufmann
schlechtweg, gerade auch den des 14. Jahrhunderts, Es ist merkwürdig, wie zäh sich diese
Vorstellung behauptet hat, trotz gelegentlichen Einspruchs dagegen. Solchen hat erhoben
C.Mollwo, Das Handlungsbuch von Hermann und Johann Wittenborg, S. XLII, ohne
aber Erfolg damit zu haben. Auch Keutgen hat sich von ihr losgemacht. (Vgl. z. B.
Vtjschr. f. Sozial- u. Wirtschaftsgeschichte Bd. 4, S. 611). Die alte Vorstellung konnte
sich so fest behaupten, weil sie sich mit der weiter unten näher erörterten These verband,
daß das Mittelalter Großhandel nur als Nebenfunktion des Kleinhandels gekannt habe;
ferner auch mit den Sombartschen Anschauungen des Fehlens eines ‚,kapitalistischen“
Kaufmanns im Mittelalter. Als typisch für die übliche heutige Auffassung erwähne ich
die Darstellung, die M. Stoeven, Der Gewandschnitt in den deutschen Städten des
Mittelalters, 1915, S. 46, gibt, wo sie den mittelalterlichen Kaufmann, von ihrem Stand-
punkt aus konsequent, als ,„‚Wanderhändler‘“ bezeichnet. — Wie unzutreffend diese
Vorstellungen sind, ergibt die Kenntnis der Geschäfte der Lübecker Bürger Hermann
Warendorp und Johann Clingenberg in den dreißiger Jahren des 14. Jahrhunderts. Vgl
jetzt oben S. 191.
4) Siehe jetzt oben S. 174ff.
5) L.U.B. II, S. 387, Nr. 437.
$) W. Sombart, Moderner Kapitalismus, Bd. I, 4. Aufl., S. 295, ist allerdings der An-
sicht, daß die „Kunst des Lesens und Schreibens‘ nördlich der Alpen das ganze Mittel-
alter hindurch „nur einem Bruchteil der Berufshändler vertraut gewesen sei‘“, Das trifft
für Lübeck so wenig zu, daß wir hier sogar bereits im 14. Jahrhundert die Anfänge einer
kaufmännischen Fortbildungsschule haben. Vgl. dazu einstweilen Ztschr. f. Lüb. Gesch. ıt.
Altertumskunde, Bd. 19, S. 123 ; eingehender in meinem späteren Buche, Allerdings bestehen
diese „Berufshändler‘“ in Lübeck aus einer wesentlich höheren sozialen Schicht, als sie
Sombart für das Mittelalter annimmt. — Wenn man die hohe Wertschätzung von Schrift-
gebrauch und Lateinkenntnis in der Lübecker Kaufmannschaft schon in der 2. Hälfte