Full text: Hansische Beiträge zur deutschen Wirtschaftsgeschichte

236 VII. Großhandel und Großhändler im Lübeck des 14. Jahrhunderts 
Städte handelt, sind für die Sombartsche Theorie eher verwertbar. Bei Lübeck, der Stadt 
im kolonialen Neuland, ist ein solcher Zusammenhang mit den agrarisch bevorzugten 
Kreisen der Nachbarschaft ausgeschlossen; für die Oberschicht dieser Stadt ist von Anfang 
an der Handel das einzig richtunggebende Motiv. Daran ändert weder der reiche städtische 
Grundbesitz, den sich die Oberschicht zu sichern wußte, etwas, noch ihre Neigung, sich 
in der Stadt eine „curia‘‘, ein Zentrum für die Bewirtschaftung ihres Ackerlandes vor den 
Stadttoren zu schaffen. Da aber ein großer Teil der Zeit dieser Leute durch die Pflege ihrer 
anderen wirtschaftlichen und ehrenamtlichen Aufgaben erfüllt gewesen sein wird, wozu 
ein gewisser Müßiggang bei einzelnen hinzugekommen sein wird, so mag auch für Lübeck 
die Möglichkeit bestehen, diese Schicht bis zur zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts als 
„Gelegenheitskaufleute‘‘ anzusprechen. 
2) Vgl. einstweilen das wenige, was ich oben S. 133 mitgeteilt habe. 
2) Die weit über das Ziel hinausgehende Unterschätzung des mittelalterlichen Handels, 
wie sie jetzt in Deutschland üblich geworden ist, geht wohl zurück auf die m. E. metho- 
disch verfehlten Schätzungen des Frankfurter Handels in dem sonst so glänzenden Buche 
Büchers über Frankfurt a. M. Die Einwände, die neuerdings A. Dietz, Frankfurter 
Handelsgeschichte Bd. I, S. 131f. erhoben hat, treffen, wie ich aus eigenen Studien 
bestätigen kann, durchaus ins Schwarze, Das reiche Material, das Dietz der Forschung 
zugänglich gemacht hat, ist ja die beste Widerlegung; es ist überdies noch ergänzungs- 
fähig durch norddeutsche, namentlich‘ Lübecker Archivalien. — Ein so angesehener 
Forscher wie H. Pirenne hat sogleich Einspruch erhoben, ohne aber in Deutschland 
beachtet worden zu sein (Revue historique Bd. 67, S. 64ff.). — Es ist ein Verdienst der 
Arbeit von Johanna Otte, Untersuchungen über die Bevölkerung Dortmunds im 13. und 
14. Jahrhundert, Beiträge zur Gesch. Dortmunds, Bd. XXXIII, S. 41f. nicht in den 
Fehler Büchers verfallen zu sein, der aus dem Nichterwähnen von Großkaufleuten auf ihr 
Nichtvorhandensein schloß. 
13) Ich verweise hier nur auf v. Belows „‚Probleme der Wirtschaftsgeschichte‘‘, 1920. 
S. 460ff, 
14) Ebenda S. 462. 
15) Der Großhandel im Mittelalter. H.Gesch.Bl. 1901; ferner: Vtischr. f. Sozial- und 
Wirtschaftsgeschichte 1906. 
16) In seinem 1910 erschienenen Aufsatz: ,,Wandschneider und Kaufleute in Hamburg“, 
Ztschr. d. V. f. Hamb. Gesch. Bd. XV, S. 133ff. — Mir war dieser Aufsatz entgangen. 
Erst als ich im Oktober 1925 meinen Vortrag in Hamburg wiederholte, wurde ich auf ihn 
aufmerksam gemacht. Nirrnheim hat hier seine älteren Anschauungen, die namentlich 
in der Einleitung zu der vortrefflichen Ausgabe des Handlungsbuches Vickos von Gelder- 
sen (1895) niedergelegt sind, wesentlich geändert, und zwar in einer Richtung, die sich 
mit den hier vorgetragenen, unabhängig von Nirrnheim entstandenen, in manchem 
Wesentlichen — namentlich auch auf dem methodischen Gebiet — berührt. Ich werde 
auf diesen Aufsatz noch mehrmals zurückkommen. Wie aber die Neuredaktion des 
Belowschen Aufsatzes über Großhändler und Kleinhändler im deutschen Mittelalter 
in seinen „„Problemen‘‘ zeigt, hat gerade das Neue und von seinen eigenen älteren An- 
schauungen Abweichende in Nirrnheims Aufsatz bei v. Below keine Berücksichtigung ge- 
Funden. 
a) A, Schulte, Geschichte der großen Ravensburger Handelsgesellschaft, Bd. I, 
S. 95 und sonst. (Vgl. Register unter „„Großhandel‘“ und „‚Kleinhandel‘“). — Wenn von 
Below jetzt auch die Ravensburger Gesellschaft als Beweis für die Gültigkeit von seiner 
Lehre der Vereinigung von Großhandel und Kleinhandel in einer Hand heranziehen will 
{Probleme der Wirtschaftsgeschichte, 2. Auflage, S. XV), so wird er damit bei Schulte, 
aber auch bei denen, die Schultes Werk genauer durchgearbeitet haben, keine Zustimmung 
finden. Vgl. auch Zs. f. d. ges. Staatswissenschaft, Bd. 83, S. 180f. — Wenn von Below 
ferner ganz neuerdings betont, daß er gegenüber Bücher und Sombart die Bedeutung des
	        
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