Full text: Gesellschaftslehre

Die Lebensordnung der Gruppe. 
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Sozialisten und Anarchisten in ähnlicher Weise. In älteren Zeiten 
wandte sich dieser Bekenntniszwang vor allem dem kirchlichen Gebiet 
zu. Die Auffassung, daß der Atheismus eine rein theoretische Angelegen- 
heit ist, die mit dem Wert des Menschen nichts zu tun hat, ist bekannt- 
lich von jungem Datum. Zur Zeit Spinozas und Goethes galt der Atheist 
für einen Inbegriff aller Laster. Jede Kirche zeigte gegen abweichende 
Lehrmeinungen oder gar völlige Ablehnung ihres Standpunktes die größte 
Empfindlichkeit; und der damalige Staat, der mit einer von ihnen solida- 
risch verknüpft war, tat es ihr darin gleich. Daß selbst das wissenschaft- 
liche Leben, das am ersten als Stätte der reinen Theorie erscheint, hier- 
von nicht verschont wurde, zeigt das Beispiel Galileis und die Vorsicht, 
mit der Descartes die Kegßerei seines kopernikanischen Standpunktes 
verhüllte. Noch heute benimmt sich jeder Kreis von starkem Korpsgeist 
und entsprechender Exklusivität grundsäglich ebenso. Jeder anständige 
Mensch glaubt in ihm bestimmte Dinge und lehnt das Gegenteil ent- 
sprechend ab. Er glaubt z. B. an den überragenden Wert seiner Gruppe 
und ist überzeugt davon, daß sie und ebenso jeder seiner Genossen sich 
niemals unanständig benehmen kann. Besonders in nationalen An- 
gelegenheiten gilt dieser Standpunkt durchweg bis auf den heutigen Tag 
bei allen Völkern, die ein starkes Nationalbewußtsein haben, d. h. einen 
stark ausgeprägten Gruppencharakter (freilich im Sinne einer abstrakten 
Gruppe) besitzen. Dasselbe Verhalten herrscht in naiven Zeiten dem 
sozialen Gebiet gegenüber: Schäden der Gruppe, wie Elend und Ausbeu- 
tung gibt es nicht; man spricht nicht von ihnen und sieht sie nicht. Bei 
uns ist diese Haltung bekanntlich erst jüngst durch eine kritische Auffas- 
sung zurückgedrängt. Entsprechend der Methode des Vertuschens und 
Vogel-Strauß-Spielens erregt es Anstoß, wenn man in seiner Gruppe 
Schattenseiten entdeckt und Übel als bestehend anerkennt. Der Optimis- 
ınus gegenüber der eigenen Gruppe gilt als Pflicht der Gruppenmitglie- 
der. Schon aus diesem Grunde ist jede Weltanschauung, die der Gruppe 
als Ganzem entspringt, optimistischer Natur — eine Tatsache, die uns 
später noch eingehender beschäftigen wird ($ 35). So faßten die Lon- 
doner Börsen-Clerks 1909 den Beschluß, daß jedermann verpflichtet sei, 
au Hausse und Prosperität zu glauben und jedermann es schlecht meine, 
der die gegenteilige Ansicht äußere‘). 
Wie erklärt sich diese Bekenntnispflicht? Wenn wir die ihr un- 
terstellten Anschauungen als Theorie bezeichnet haben, so darf dieser 
Ausdruck freilich nicht gepreßt werden. Tatsächlich ist bei ihnen stets 
eine Beziehung auf vitale Interessen der Gruppe, näm- 
lich auf ihre Erhaltung, genauer ihre Erhaltung in ihrer gegenwärtigen 
1) Nach Schumpeter, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung?2. S. 205.
	        
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