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7. Das Wandergewerbe. 211
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Etwa 40 Männer im Alter von 20—40 Jahren, die im Effeltrich (Bayern),
östlich der Bahnlinie Bamberg—Nürnberg, wohnhaft sind, befassen sich mit dem
Hausiervertriebe der dort gezogenen Obstbäume.
Zwischen Bamberg und Erlangen wird auf einer viele Stunden sich im Umkreise
hinziehenden Strecke Meerrettich gebaut. Hauptort ist das Städtchen Baiersdorf,
daneben kommt eine große Anzahl der umliegenden Dörfer in Betracht. Dieser Meer
rettich wird durch Hausierer nach Österreich, Süd- und teilweise Norddeutschland,
ferner auch nach Italien, der Schweiz und nach Rußland gebracht. — Einer gewissen
Berühmtheit erfreut sich auch das Hausiergewerbe von Frammersbach im Tale des
bei Lohr in den Main mündenden Lohrbachs. Gehandelt wird größtenteils mit
Schreibwaren, ein Teil der Hausierer ist ferner Alteisensammler. Eine gute Stunde
von Frammersbach, schon auf preußischem Gebiete, liegt das Dorf Kempfenbrunn,
dessen Bewohner vielfach Borstenhandel treiben. Im Bezirksamte Frankental (Pfalz)
betreiben aus Mangel an Arbeitsgelegenheit die Bewohner der Orte Hettenleidelheim,
Tiefenthal, Karlsberg, Altleiningen, Hertlingshausen und Wattenheim Hausierhandel
mit Erzeugnissen der Textilindustrie, die von Fabriken und Großhandlungen in Süd-
und Mitteldeutschland bezogen werden. Bewohner des Bezirksamtes Bergzabern
betreiben das Hausiergewerbe mit Bürstenwaren und mit Bildern, Kurzwaren,
Schreibmaterialien, Galanteriewaren und Druckschriften.
Der Leinwandwanderhandel der Rauhen Alb geht bis auf das Jahr 1346 zurück.
Weborte sind Herstetten und Leichingen. Außerdem werden gekaufte Waren, z. B.
aus Blaubeuren und Ulm, vertrieben.
Württemberg hat die meisten Hausierer in den überwiegend landwirtschaftlichen
Kreisen, im Jagst-, Schwarzwald- und Donaukreise; in einer Reihe von Ortschaften
sucht die ganze Einwohnerschaft oder doch ein größerer Teil wegen Beschränktheit
oder Dürftigkeit des nutzbaren Bodens und mangels anderer Erwerbsquellen schon
seit Menschenaltern in dem Hausierhandel ihren Lebensunterhalt.
Die überwiegende Mehrzahl der hohenzollerifchen Hausierer ist im Killertale,
welches sich von Hechingen nach Südosten erstreckt, ansässig.
Elsaß-Lothringen ist dasjenige Land im Deutschen Reiche, welches verhältnis
mäßig am meisten Wandergewerbetreibende aufweist. Das steht im Zusammen
hange mit seinem vorwiegend ländlichen Charakter, mit der großen Ausdehnung,
welche der Viehhandel im Lande angenommen hat, und mit dem früheren Besteue
rungssystem. In Elsaß-Lothringen gibt es keine eigentlichen Hausiergemeinden, aber
beinahe drei Viertel aller Gemeinden zählen Hausiergewerbetreibende zu ihren
Bürgern.
Stammsitze des hessischen Wandergewerbes sind eine Anzahl von Dorffchaften
in den östlich und nordöstlich vom Meißner gelegenen Teilen der Kreise Eschwege
und Witzenhausen. Unmittelbar hervorgegangen ist das Hausierwesen aus dem Fuhr
wesen. Der Kreis der vertriebenen Waren ist nicht fest geschlossen; zu nennen sind
namentlich die Erzeugnisse der hessischen Leinenweberei und Flachsspinnerei, getrock
netes Obst, Hülsenfrüchte, Peitschen und Peitschenschnüre, Flanelle und Wachstuche,
Tonwaren, Kolonial- und Delikateßwaren, Gewürze, Walnüsse, Vieh u. a. m.
Die Hausierer von Urberach im Großherzogtum Hessen handeln in der großen
Mehrzahl mit irdenem Geschirr.
Im Regierungsbezirk Düsseldorf, und zwar im Kreise Grevenbroich und im
Kreise Moers, dem sog. Bönninghardt, besorgen etwa 60 Hausierer den Verkauf der
dort fabrizierten Matten und Teppiche aus Filz, Leder und Kokosgarn. Dazu
kommen etwa ebensoviel Besenbinder aus der Bönninghardter Heide, die auf den
Hausierhandel angewiesen sind. Die im Regierungsbezirk Aachen ansässigen Hausierer
führen als Hauptartikel die verschiedenen Sorten von Tuchstoffen und Manufaktur-