Full text : Arbeiterschaft und Kolonialpolitik

Kapitalausfuhr. Aber auch diese Beziehung beginnt sich zu
lockern. Das Kapital des Mutterlandes kämpft um die Anlage
in den eigenen Kolonien heute genau so mit der Konkurrenz der
ausländischen Kapitalmacht wie um jedes andere Gebiet.
Besondere Aktualität erlangten in den letzten Monaten die
Vorgänge in Ägypten. Aber die wirtschaftlichen Ursachen
liegen weit zurück.
Als zu Beginn des Krieges der Kurs für ägyptische Baumwolle
 enorm sank, hat das Mutterland nichts dagegen getan,
sondern die Konjunktur ausgenutzt und zu sehr billigen Preisen
Baumwolle gekauft. Als 1917 die Preise wieder anzogen, ist
die englische Regierung selbst als Käufer auf dem Baumwollmarkt
 aufgetreten und hat die gesamte Ernte weit unter Preis
aufgekauft. Dadurch konnte sich die Industrie noch einige Zeit
über Wasser halten, aber diese Möglichkeiten bestehen heute
nicht mehr, seitdem die überseeischen Länder beginnen, sich zu
schützen. So hat Ägypten seinen Baumwollanbau stark umgestellt;
 es hat die Spezialisierung seiner Landwirtschaft auf
Baumwolle beseitigt, indem es für ein Drittel seines Bodens
deren Anbau verboten hat.
Im Jahre 1924 gab der Mord an dem englischen Oberbefehlshaber
 den Engländern den Vorwand zu dem entscheidenden
Schlag, Der Sudan wurde dem bisherigen Mitbestimmungsrecht
der Ägypter entzogen und die riesige Baumwollplantage in ein
englisches Baumwollmonopol umgewandelt, Durch das Preisdiktat
 wurden vor allem die kleinen Baumwollzüchter vernichtet.
 Schließlich gelang es England, mit Hilfe der ägyptischen
Koalitionsregierung von Liberalen und Zaghlulisten,
einen Vertrag durchzusetzen, der. Ägypten vollends. dem englischen
 Baumwollkonzern ausliefert.
Die australische Industrie stellt zwar noch keine
ernsthafte Konkurrenz auf dem Weltmarkt dar, ihren eigenen
Markt aber hat sie zu einem guten Teil erobert und von der
Einfuhr der Industrieerzeugnisse des Mutterlandes unabhängig
gemacht. Die Eisenindustrie erzeugte schon 1918 über 150000 t
Schienen, Stahlplatten und Stahldraht; Spinnereien und Webereien
 wurden erst vor kurzem in größerem Stile errichtet.
Australien selbst zeigt heute schon durchaus offen imperialistische
 Bestrebungen. Es sucht den Seeweg nach dem Panamakanal
 und gibt deutlich zu erkennen, daß es. Interesse an den
Hebriden hat. Die Fidschi-Inseln, die offiziell als Kronkolonie
gelten, sind in Wirklichkeit ein Teil des australischen Dominions.
Seine Stellung hat sich weiter dadurch verstärkt, daß es Neu-Guinea,
 den Bismarckarchipel und die Salomoninseln als Mandat
des Völkerbundes erhalten hat und dadurch. zum Hauptproduzenten
 von Kopra in den Südmeeren geworden ist.
            
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