Vorbemerkung
Das Erwachen der farbigen Völker, ihre Aufstände in allen
Teilen der Welt, die brutale Gewalt und Verständnislosigkeit,
mit der die kapitalistischen Regierungen gegen sie vorgehen, die
dadurch heraufbeschworenen Kriegsgefahren haben die Kolonialfrage
von neuem in den Mittelpunkt des welthistorischen
Geschehens gerückt.
Deshalb hat die Sozialistische Arbeiterinternationale das Kolonialproblem
auf die Tagesordnung ihres diesjährigen Kongresses
in Brüssel gesetzt.
Die Kolonialpolitik ist eines der wichtigsten Mittel der herrschenden
Klasse zur Aufrechterhaltung ihrer Macht; auf der
heutigen Stufe der wirtschaftlichen Entwicklung ist der Imperialismus,
dessen politische Ausdrucksform die Kolonialpolitik
ist, identisch mit dem Kapitalismus. Sie ist seine „jüngste
Etappe‘, Darum bedeutet Kampf gegen den Kapitalismus Kampf
gegen Imperialismus und Kolonialpolitik. Sie wirkt sich nicht
nur gegen die Kolonialvölker, sondern ebenfalls gegen die Arbeiterschaft
der Kernstaaten aus.
Der politische Tageskampf macht vielen, die mit Spannung
auf die Debatten in Brüssel und auf die Beschlüsse der Arbeiterinternationale
warten, eine Beschäftigung mit den räumlich
ferner gelegenen Fragen unmöglich. Sie mit einigen Grundtatsachen
der kolonialen Entwicklung der letzten Jahrzehnte bekannt
zu machen, ist die Absicht dieser kleinen Schrift.
Die grundsätzliche Einstellung des Sozialismus zur Kolonialpolitik
ausführlich darzulegen und zu begründen, hätte ihren
Rahmen überschritten. Darauf konnte um so eher verzichtet
werden, als Karl Kautskys Schrift „Sozialismus und Kolonialpolitik“
in ihren grundsätzlichen Teilen noch heute volle
Gültigkeit beanspruchen darf. Aber es war nicht möglich, diese
Betrachtung allein auf die Kolonien im eigentlichen, rechtlichen
Sinne zu beschränken. Ist für uns kapitalistische Kolonialpolitik