fullscreen: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die anthropologische Krink der Religion. 179 
lichen Verhalten, in dem gleichen Fanatismus und der gleichen 
Unduldsamkeit wieder, zu der jede einzelne von ihrer herrschenden 
Meinung getrieben wird. Ueberall spiegelt uns daher die Religion, 
in Ihrer empirischen Erscheinung, nur die herrschende Richtung 
unseres Willens wider: die Menschennatur in all ihrer an- 
thropologischen und ethnographischen Mannigfaltigkeit ist der 
‚Naturgrund“, auf den sie zurückgeht. Und wenn in der Ethik, 
aller Relativität der äusseren Satzung zum Trotz, ein allgemeiner 
innerlich gültiger Maassstab zurückgewonnen wurde, so ist uns 
hier dieser Ausweg verschlossen: denn welches Mittel des Selbst- 
bewusstseins vermöchte ein seinem Begriffe nach transscen- 
dentes Sein zu sichern und zu verbürgen? So werden bei Mon- 
taigne die positiven Dogmen selbst zwar nirgends in den Kreis 
der Untersuchung hineingezogen; aber eben in dieser Absonde- 
rung liegt ihre schärfste, ironische Kritik: denn jetzt gehören sie 
dem festen convenltionellen Bestand der „Gebräuche“ an, dem 
der Einzelne sich zu unterwerfen hat. 
Diese Abwendung von den theologischen Motiven und der 
Gewinn eines neuen Mittelpunktes der Betrachtung tritt vor allem 
am Problem der Unsterblichkeit deutlich hervor. Das begriff- 
liche Gewebe der rationalen Psychologie wird aufgelöst, in- 
dem sein Widerspruch zu den ersten Bedingungen unserer Vor- 
stellung aufgedeckt wird: von den Grundlagen unseres empirischen 
Daseins abstrahieren zu wollen, um eine neue Form des Seins 
zu erdichten, heisst alle sicheren Grenz- und Haltpunkte der Er- 
kenntnis verrücken. Unser Denken, das an irgendwelche sinn- 
lichen Daten anknüpfen muss und auf sie verwiesen bleibt, ver- 
mag die Aufhebung der sinnlichen Erfahrungswelt nicht zu voll. 
ziehen, ohne damit sich selber und seine Funktion aufzuheben 
Die Identität der Persönlichkeit, die wir als notwendigen Be- 
standtei! der Unsterblichkeitslehre fordern müssen, verlangt zu 
ihrer Feststellung die Beziehung auf eben jene materiellen Be- 
dingungen, die wir mit der Loslösung der „Seele“ vom Körper 
vernichtet denken. In der Ausführung dieses Gedankens legt 
Montaigne, bis ins Einzelne, den Grund zu der modernen „anthro- 
pologischen“ Kritik des Unsterblichkeitsglaubens.‘) Der tiefere 
philosophische Gewinn indes liegt hier nicht in der dialektischen 
Zergliederung des Dogmas, sondern wiederum in der neuen Wert-
	        
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