Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 211 
der tatsächlichen räumlichen Erweiterung des Horizontes in 
Verkehr und Handel hervorgingen, wesentlich durch die weit 
verbreitete und überaus beliebte Lektüre unzähliger Reise— 
beschreibungen verstärkt worden sind — z. B. haben Kant und 
Schiller, die beide nicht viel gereist sind, diese Lektüre in 
besonderem Maße getrieben und dadurch den Mangel einer 
direkten Anregung durch Ortsveränderung ausgeglichen, wenn 
nicht überholt —: und es ist eine Tatsache von charakteristischer 
Bedeutung, daß seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts 
neben den ökonomischen Reisen die besondere Form der wissen⸗ 
schaftlichen Reise aufzutreten begann, in der literarisch-gelehrte 
Interessen mit solchen der tatsächlichen Raumdurchmessung 
zusammentrafen. 
Wenn aber so neben wirtschaftlichen Faktoren rein geistige 
Vorgänge glückbringend in die neue Zeit hinübergeführt haben, 
so ist die Frage von hohem Interesse, in wie weit sich die 
Wirkung beider Faktoren in derselben sozialen Welt vollzogen 
haben mag. 
Ehe sie beantwortet werden kann, muß freilich betont 
werden, daß die Entwicklung der neuen Bildung keineswegs 
in ganz Deutschland gleichmäßig erfolgte. Für Ästerreich unter— 
nahm es Josef II. vergebens, wenigstens in Wien ein litera⸗ 
risches Zentrum zu schaffen, zu welchem Zwecke er u. a. Lessing 
dorthin zu ziehen versuchte; es gelang ihm ebensowenig, wie 
dem Kurfürsten Max Joseph in München, dessen Bestrebungen 
gemeinsam von Klerus und Beamtentum als den „an der 
Spitze der Nationalignoranz stehenden“ Schichten vereitelt 
wurden. Dabei ist klar, daß es vor allem der Boden des 
reinen Katholizismus war, der sich für die Aufnahme der 
neuen Bildung als unfruchtbar erwies, wie er denn auch der 
Entwicklung des neuen Wirtschaftslebens ungünstig blieb; in 
Bayern schloß noch das Bürgerliche Gesetzbuch von 1756 jeden 
Nichtkatholiken von dem Eintritt, insbesondere auch vom Erb— 
recht in Liegenschaften aus; im Kurfürstentum Trier erhielten 
Nichtkatholiken erst 1786 das Niederlassungsrecht. 
Allein auch die protestantischen Gebiete waren nicht überall 
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