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Rohstoffe und Erzeugnisse der Spiritusfabrikation.
an Verunreinigungen weit über den Grenzzahlen liegt; diese Branntweine würden einen
erheblichen Zusatz von Sprit vertragen, ohne daß sie unter die Grenzzahlen kämen. Auch
das Verhältnis der höheren Alkohole zu den Estern schwankt innerhalb sehr weiter Grenzen.
Es ist hiernach nicht zulässig, die Grenzzahlen, die für die Weinbranntweine des Bezirks
Cognac gelten, ohne weiteres auf Weinbranntweine anderen Ursprungs oder auf andere
Edelbranntweine zu übertragen.“
Auch ist es unzulässig, so verschiedenartige Stoffe, wie die genannten Verunreinigungen,
zusammenzuzählen und aus der Summe derselben das Urteil abzuleiten,
„Immer wird man prüfen müssen, woraus sich diese Summe zusammensetzt, welche
Faktoren dabei vorwiegen, welche mehr zurücktreten. Namentlich gilt dies, worauf schon
Franz Freyer 1 ) hingewiesen hat, von den Säuren der Branntweine. Deren Menge
schwankt ganz besonders stark, und vielfach findet man bei Branntweinen mit einem sehr
hohen Verunreinigungskoeffizienten, daß sie abnorm hohe Mengen von Säure enthalten.
Freyer schlägt daher vor, auf den Säuregehalt Rücksicht zu nehmen und einen 100 mg
in 100 ccm absolutem Alkohol überschreitenden Betrag nicht dom Verunreinigungskoeffizienten
zuzuzählen. Ganz ähnlich liegen die Verhältnisse bei den Estern, die in Branntweinen
aus essigstichigen Maischen im Übermaß vorhanden sein können; dies kommt aber doch
seltener vor als bei den Säuren.
Wenn hiernach auch vor der schablonenhaften Anwendung der von den französischen
Chemikern aufgestellten Grenzzahlen für den Verunreinigungskoeffizienten gewarnt werden
muß, so kann andererseits zugegeben werden, daß es nicht selten möglich ist, durch eine
eingehende Untersuchung festzustellen, daß ein Branntwein wahrscheinlich kein reines
Destillat ist. Der Hauptwert ist dabei auf die Bestimmung der Ester und namentlich der
höheren Alkohole zu legen. In der Hegel handelt es sich bei Edelbranntweinen des
Handels, die nicht aus reinen Destillaten bestehen, entweder um Verschnitte mit reinem
Sprit oder um Zusätze von künstlichen Essenzen, die nur selten reich an Estern sind.
Durch den Verschnitt mit Feinsprit, der nur Spuren von Estern und in der Hegel kein
Fuselöl enthält, werden alle Verunreinigungen der Destillate in ihrer Menge herabgesetzt.
Ähnliches gilt auch von der Mehrzahl der aus Feinsprit und Essenzen hergestellten
künstlichen Bdelbranntwcine. Von Ed. Polenske' 2 ) ist eine große Anzahl von Branntwein-
Essenzen, -Schärfen, -Verstärkungsmitteln usw. untersucht worden. Die dabei gewonnenen
Zahlen lehren, daß nur wenige dieser Essenzen reich an Estern sind; die meisten enthalten
sogar überraschend wenig Ester, besonders in Anbetracht des Umstandes, daß in der Regel
auf 100 1 des fertigen Branntweins nicht mehr als höchstens 1 1, oft noch weniger, Essenz
verwendet wird. Allerdings findet man zuweilen auch Essenzen mit hohem Estergehalte,
wie z. B. die von A. Scala 3 ) untersuchten Eumessenzen mit 7—27 Volumprozent Estern.
Große Mengen höherer Alkohole enthalten fast nur die Essenzen, die zur Herstellung von
künstlichem Kornbranntwein dienen; wahrscheinlich enthalten die Essenzen wirkliches
Kornfuselöl, das bei der Rektifikation des Kornbranntweins gewonnen wird.
Dementsprechend sind die bisher untersuchten Kunst- oder Fagon-Edelbranntweine
meist arm an Säuren, Estern und höheren Alkoholen.“ 1 )
3. Eine Sonderstellung unter den Edelbranntweinen nehmen nach K. Win di sch die
Kirsch- und Zwetschenbranntweine, sowie die übrigen aus Steinobst hergestellten
Branntweine insofern ein, als sie Blausäure und Benzaldehyd bezw. die Verbindung
beider, Benzaldehydcyanhydrin, sowie meist Benzoesäureäther enthalten. Diese Besonderheit
ist natürlich ebenfalls zur analytischen Bewertung herangezogen worden. Aber auch hier
ist die höchste Vorsicht am Platze. Diese Branntweine enthalten nur dann erhebliche
J ) Zeitschr. landw. Versuohswesen in Österreich 1902, 5, 1266.
2 ) Arbeiten a. d. Kaiserl. Gesundheitsamte 1890, 6, 294 u. 518; 1894, 9, 135; 1895,
10, 505; 1897, 13, 301; 1898, 14, 684.
3 ) II Rhum e le sue falsificazioni. Ricerche di Alberto Scala. Roma 1890.
4 ) Vergl. B. Möhler, Compt. rend. 1891, 112, 53, und M. Mansfeld, Zeitschr.
Nahr.-Unters., Hyg. u. Warenk. 1894, 8, 306; 1896, 9, 318; 1896, 10, 319; Jahresberichte
der Unters.-Anstalt des allgem. österr. Apoth.-Vereins 1897—1900.