Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

322 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel. 
österreichische Liga gewirkt zu haben. Indes dieser Plan war 
dorübergehender Art; ganz beseitigt war er, als Kaiser Wilhelm 
im Oktober 1875 dem Könige von Italien seinen Besuch zu 
Mailand abstattete. In der Tat blieben für Italien die klerikal— 
feudalen Schwierigkeiten bis zum Weggang Mac Mahons be— 
tehen. Dann aber traten an deren Stelle, mit der Erstarkung 
der französischen Republik, andere Gründe der Befürchtung. 
Weithin reichten in Italien die französisch-republikanischen Ver— 
bindungen; namentlich in Oberitalien, in Mailand, wurden sie 
zepflegt; die Monarchie hatte vor ihnen auf der Hut zu sein. 
Und gleichzeitig ergingen sich die Franzosen, nun kräftiger 
werdend und doch nicht stark genug zum Angriff gegen Deutsch— 
land, in weiteren Übergriffen im Bereiche der Mittelmeerküsten. 
Von diesen beiden Gefahren wuchs vor allem die zweite 
um etwa 1880 beträchtlich. Es war die Zeit, da Frankreich 
sich von den Schlägen des großen Krieges sichtlich, vor allem 
auch in dem Bewußtsein seiner Kraft, zu erholen begann, da 
sein erster großer Staatsmann nach dem Kriege, Jules Ferry, 
jene weitausholende Kolonialpolitik einleitete, der Frankreich 
die beiden gewaltigen Kolonialreiche in Ostasien und in Nord⸗ 
afrika verdankt, die heute seinen jüngsten Ruhm ausmachen. 
In diesem Zusammenhang wurde nun für Italien vor allem 
die französische Okkupation von Tunis wichtig. Schon auf 
dem Berliner Kongreß war von ihr die Rede gewesen und 
hatte Bismarck zu ihr ermutigt, da ihr nächstes Ergebnis 
weifelsohne der mitteleuropäischen Konsolidation zugute kommen 
mußte; später, 1880, hat er dann auch auf die Annexion von 
Marokko durch Frankreich gehofft. Das Jahr 1881 aber brachte 
dann wirklich die Okkupation wenigstens von Tunis. 
Es war ein Ereignis, das in Italien noch dazu mit der Wucht 
des Unerwarteten wirkte: die italienischen Staatsmänner, nur zu 
häufig mit tausend wechselnden Plänen des Anschlusses und 
des Erwerbes beschäftigt, hatten das stille diplomatische Vor— 
rücken Frankreichs auf ein bestimmtes Ziel hin kaum beachtet. 
Um so mehr suchte man in Italien nun Anschluß an den 
großen Zweibund des Nordens. Schon im August 1879 hatte
	        
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