8. Kap. Ter Aufschwung und der Verfall der Nationen.
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Familien Unterhalt gewährte, Viehzucht in bedeutendem Umfange zu treiben,
weil dies letztere einträglicher ist.
Wenn viele große Besitzer so vorgehen, wird die Einwohnerzahl eines
Landes vielleicht beträchtlich zurückgehen; und so sind denn auch in der That
iw Laufe der Geschichte schon wiederholt Tausende von Familien unter un
säglichen Leiden aus ihren Wohnsitzen vertrieben worden. Zeugen solcher
traurigen Vorgänge waren z. B. Italien unter der alten römischen Republik,
England vom Ende des 15. bis zum Ende des 16., das schottische Hochland
während der zweiten Hälfte des 18. und Irland im 19. Jahrhundert. Es
ist allerdings auch möglich, daß solche Umgestaltungen dem betreffenden Lande
lm ganzen nicht zu materiellem Schaden gereichen; denn die ausgetriebenen
Landleute können in eine andere Gegend versetzt oder zu andern Beschäftigungen
verwendet werden und an die Stelle der stattgehabten Verminderung der
Äntensivität des Betriebes auf den betreffenden Gütern kann die Entwicklung
derselben in andern agriculturellen oder industriellen Unternehmungen treten.
Wenn das aber nicht der Fall ist und die Ausgetriebenen nur zwischen dem
^ŗil, dem Elend oder dem Bettel zu wählen haben, sind die Folgen für das
Wohl des betreffenden Landes erschrecklich. So hat Irland binnen weniger
^enn einem halben Jahrhundert ungefähr vier Millionen Einwohner verloren, so
^aß ein großer Theil seiner Oberfläche zu einer traurigen Wüste wurde, welche
mit Heidekraut, Disteln und Moos bedeckt ist. In gleicher Weise ist es
^er Bevölkerung-zunahme nachtheilig, wenn die dem Ackerbau dienenden großen
Ģrundbesitzungen so bewirtschaftet werden, daß sie nur spärlichen Ertrag liefern.
stehen die großen Güter und die dünn gesäte Bevölkerung der östlichen
Provinzen des preußischen Staates und des südlichen Portugal in grellem Con-
îŗoste zu bd dicht bevölkerten Gegenden der Rheinprovinz und des Duerothales.
Uebrigens können nicht nur Mangel an Unternehmungslust und Träg-
şi, sondern auch Genußsucht — wenn z. B. die Eigenthümer die betreffenden
strecken Landes dein persönlichen Wohlbehagen und Vergnügen widmen
wollen -— und das Streben nach Profit die Unterlaffung intensiver Cultur
^schulden. So sind erst wieder in unsern Tagen in Schottland weite Gefilde
^ ^ugdgründen gemacht worden. Aber die durch solche Verhültniffe hervor
gerufenen Uebelstände werden zum Theil dadurch wieder gut gemacht, daß die
treffenden Eigenthümer von anderswoher bezogene Renten im Lande aus
sen und die Anwesenheit reicher Leute, die einen Theil des Jahres auf ihren
ksttznngen zubringen, vielen Leuten Verdienst verschafft.
Auch die Hilfsquellen, welche ein Land in seinen Bergwerken, Stein-
buchen und Fischereien besitzt, können in gleicher Weise unbenutzt oder nicht
jungend ausgenutzt bleiben, obgleich sie vielen Menschen Unterhalt zu ge-
geeignet mären.