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las Preisniveau eigentlich immer in Veränderung begriffen ist,
bestenfalls ein labiles Gleichgewicht der Marktpreise besteht
und die Kaufkraft der währungsmäßigen Geldeinheit somit ständig
schwankt. Und man kann daraus entnehmen, daß niemals die
Geldrechnung allein eine zureichende wirtschaftliche Betrachtungs-
weise darstellt, sondern grundsätzlich immer — faktische
Ausnahmen entkräften diese Wesenserkenntnis nicht — der Er-
gänzung durch eine Naturalrechnung bedarf, auch in
unserer Geldwirtschaft, geschweige denn gar in einer Natural-
wirtschaft. -
Die praktische Durchführung der Naturalrechnung setzt eine
ausgedehnte Wirtschaftsstatistik voraus. Hier liegen die
Hauptschwierigkeiten für ihre Verwirklichung. Schwierigkeiten,
die es allein erklärlich machen, daß alle Einzelwirte und sogar die
Leiter der staatlichen und kommunalen Finanzwirtschaften sich
bisher bei Feststellung ihres Bedarfs und der zu seiner Deckung
heranzuziehenden Hilfsmittel zumeist mit der Anwendung der Geld-
rechnung begnügten. Der Gebrauch der Naturalrechnung, dessen
Erweiterung grundsätzlich als wirtschaftlich wünschenswert zu er-
achten ist, krankt praktisch an dem mangelhaften Ausbau der
statistischen Erfassung der wirtschaftlich erheblichen Größen,
Zunächst ist man sich noch nicht einmal darüber klar, was
äberhaupt wirtschaftlich erhebliche Größen sind. Die „Lust- und
Unlustgefühle“, mit denen sich die psychologistischen Wirt-
schaftswissenschaftler — zuletzt Liefmann — so gern befassen,
and die auch bei Neurath noch ein wenig spuken, sind keines-
wegs geeignet, für unsere Untersuchungen zur Grundlage zu
dienen. Erstens ist Lust und Unlust kein selbständiger Sach-
verhalt, sondern nur eine „Gefühlsbetonung“, nur die Färbung
eines aktuellen Fühlens oder Gefühlszustandes. Es offenbart sich
das darin, daß dasselbe Erleben, derselbe psychische Zustand bei
verschiedenen Personen, ja selbst bei derselben Person zu ver-
schiedenen Zeiten stärker oder schwächer lust- oder unlustgefärbt,
sogar das eine Mal zweifellos lustvoll, ein andermal unlustig sein
kann. Schließlich kann man selbst nicht immer mit Sicherheit
entscheiden, ob im Einzelfall Lust oder Unlust oder nicht vielleicht
beides vorliegt, und welche Färbung in beiden Fällen überwiegt.
Man denke nur an die Mischzustände der „schmerzlichen Freude“,
der „süßen Pein“ und — für das Wirtschaftsleben besonders wichtig
— die gar nicht abzugrenzenden Übergänge von Lust in Unlust
bei der Arbeit: Arbeitsfreude in Arbeitsscheu. Zum zweiten