Neue Gesellschaft, neues Seelenleben.
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verachtete selbst den Nachruhm, der literarischem Pöbel zu
winken schien.
Konnte unter diesen Umständen die zunächst bürgerlich
charakterisierte Bildung auch nur auf andere Stände über—
gehen? War sie im Grunde doch nur ein Zubehör, im besten
Falle ein gefälliger Exponent des jungen Wirtschaftslebens
der Unternehmung? Oder gewann sie wenigstens, eine Macht
für sich, zum Teil die übrigen Stände?
Den Unterschied der einzelnen Stände voneinander kann
man sich für das 18. Jahrhundert nicht leicht zu schroff vor—
stellen“; er war seit dem 17. Jahrhundert eher noch gewachsen;
wie es zu gehen pflegt, war er unmittelbar vor seiner drohen—
den Zerstörung durch Subjektivismus und neues Wirtschafts—
leben stärker als je. Selbst in den Städten machte er sich,
trotz aller Elemente, die die einzelnen bürgerlichen Klassen ver⸗
einigten, entschieden geltend; in Leipzig sind Ratspersonen und
Beamte, Edle von der Kaufmannschaft und Handwerker an
verschiedener Tracht und Haltung kenntlich; daneben fühlt sich
der Rektor der Universität in den fürstlichen Insignien seiner
Herrschaft wie ein kleiner Souverän, und Professoren und
Studenten leben in einer wohlabgegrenzten Welt, von deren
Höhen selbst der Student auf den Kaufmann herabblickt. Am
auffallendsten kommen diese Unterschiede, die sich immer noch
ein wenig aus dem Kreise der Sitte in den des Rechtes ver—
schieben ließen, vielleicht in der Luxusgesetzgebung zum Vor—
schein. Bei der Hochzeit müssen gemeine Leute in Leipzig schon
früh achteinhalb Uhr mit dem Zuge in der Kirche sein; nur
eine geringe Anzahl von Paaren im Zuge sind ihnen erlaubt,
für jedes Paar darüber ist eine Strafe von sechs Groschen zu
zahlen. Vornehme dagegen dürfen bis halb elf Uhr verziehen,
ehe ihr Zug in der Kirche erscheint, ja auch nachmittags sich
trauen lassen. Bei Kindtaufsschmäusen kann von den Vor—
nehmen ein Marzipan oder Kuchen zum „Gevatterstückchen“
gegeben werden; Handwerks- und gemeinen Leuten ist das
Vgl. zum Folgenden Bd. VII, l, 31 ff.