344 Vierter Teil. Weltwirtschaft und .Handelspolitik. I. Weltwirtschaft.
1. die Verbreitung wirtschaftlicher Einsicht, einschließlich der Förderung und
Ausdehnung der Fortbildungsschulen und Berufsschulen;
2. tatkräftige Fördenmg der nationalen wirtschaftlichen Anternehmungen, ein
schließlich der Kolonialbestrebungen;
3. Erhaltung und Ausgestaltung von Leer und Flotte, welche ebenso wie der
Lande! in unserem Zeitalter als wirtschaftlich produktiv aufzufassen sind;
4. Anpassung der Verwaltung und Rechtsbildung an die wirtschaftlichen Ver
hältnisse der Gegenwart;
5. Verstellung eines Gleichgewichts zwischen den vielgestaltigen Anforderungen
unserer Zeit und der körperlichen Leistungsfähigkeit der Individuen durch Förderung
und Ausbreitung der Bestrebungen für Leibesübungen, vielleicht auch der Landarbeit
(Lygiene).
Die zweite Forderung der Nationalerziehung besteht darin, dafür zu sorgen, daß
die alten Aufgaben der Nation nicht über den neuen vernachlässigt werden, daß diese
ihrer Geschichte getreu bleibt.
Als dritte und letzte Forderung der Nationalerziehung möchte ich den Nachweis
bezeichnen, daß die alten und die neuen Aufgaben der Nation miteinander verträglich
find, woraus natürlich auch die Notwendigkeit folgt, dieser Einsicht gemäß zu handeln.
Dabei wird man — um eine auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens viel besprochene
Frage zu berühren — dem Staate von vornherein das Recht zugestehen müssen, überall
da einzugreifen, wo der Gemeinsinn nicht stark genug ist, egoistische Sonderbestrebungen
zu unterdrücken.
Im einzelnen möchte ich hier noch die Forderung hervorheben, daß die Träger
der alten und der neuen Aufgaben sich immer mehr gegenseittg verstehen und achten
lernen, mehr, als dies im allgemeinen zur Zeit der Fall ist. Die Überschätzung des
eigenen und die Anterschätzung des fremden Berufes ist heute noch weit verbreitet.
Dazu kommt ferner die Forderung, daß sich innerhalb desselben Berufes die verschiedenen
Verzweigungen und die verschiedenen Stufen wirklich in ihrer gegenseitigen Bedeutung
anerkennen.
Was hier noch zu tun ist, zeigt sich am besten, wenn man die tatsächlichen
Beziehungen der Vertreter des Wirtschaftslebens und der Vertreter der sogenannten
gelehrten Berufe betrachtet, die ja gewissermaßen die beiden Enden in der Kette unserer
Berufsstände bilden. Wie fremd stehen jene oft den Aufgaben und Leistungen der
reinen Wissenschaft und Kunst gegenüber, — anderseits ist weder bei der Eröffnung
des Nordostseekanals noch bei der Übergabe der Brücke bei Mttngsten der Ingenieure,
welche diese Riesenwerke geschaffen haben, mit einem Worte gedacht worden.
Der Aufwand von Verstand und Willen im wirtschaftlichen Leben ist mindestens
ebenso groß wie in der reinen Wissenschaft, man denke z. B. bloß an die Kette von
Überlegungen, die ein Großkaufmann nötig hat, um etwa nur den wahrscheinlichen
Preis des nordamerikanischen Weizens in Deutschland für eine bestimmte Zeit fest
zustellen, und an die Landlungen, welche dieser Überlegung folgen müssen. Schon
Goethe sagt uns: „Ich wüßte nicht, wessen Geist ausgebreiteter wäre, ausgebreiteter
sein müßte, als der Geist eines echten Landelsmanns." And wie sind seitdem die
Anforderungen gewachsen! Freilich kommt es ja nicht bloß auf eine reiche Entfaltung
des Verstandes und auf eine mächtige Äußerung des Willens an, es handelt sich auch
darum. Bleibendes zu schaffen. Nun, aus dem Wirtschaftsleben heraus ist ja gerade
die Wissenschaft erwachsen, welche wir als Wirtschaftslehre bezeichnen, und ich stehe
nicht an zu behaupten, daß sie an ihre Jünger in jeder Beziehung die höchsten
wissenschaftlichen Anforderungen stellt, die überhaupt denkbar sind. Aber das Gemüt!
And der Idealismus! Was heißt Idealismus? Lier scheue ich mich nicht, eine
Definition zu versuchen: Ideal ist nur eines in der Welt, nämlich die selbstlose