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heute mit einigem Interesse und kann durch ihre Uehersicht-
lichkeit, durch ihre Kürze und durch Hervorhebung des Zu
sammenhangs der einzelnen Gedanken sehr viel zur Erläute
rung der physiokratischen Ansichten beitragen. Auch enthält
sie einige eigenthümlicbe Bestandtheile, die wie die Vorstellung,
dass die Capitalion durch Ersparung entstehen, nachher in dem
Smithschen Gedankenkreis eine Rolle gespielt haben. Dennoch
dürfen wir aber nicht verkennen, dass wir es in dieser Turgot-
schen Skizze mehr mit einem kühlen verständigen Niederschlag
als mit der ursprünglichen Lebendigkeit, originalen Haltung
und Gonsequenz der Quesnaysclien Ideen zu thun haben. Heb ei
gens findet sich auch ein Stück ökonomischer Geschichtsphilo
sophie in die Darstellung verwebt, so dass man überall den
Versuch zu einer tieferen Ergründung der Aufeinanderfolge der
Zustände wahrnimmt.
In den einzelnen Lehren sind die Dogmen der Physiokratie
von den mehr unabhängigen und selbständigen Ideen zu unter
scheiden. In erstcrer Beziehung wird der Begrifi" des Netto-
products wiedergegeben, jedoch ohne dass sich daran die Gon
sequenzen des ökonomischen Tableau knüpften. Die an den
Grundeigenthümer gezahlte Pacht ist vorzugsweise die Form,
in welcher das Nettoproduct unmittelbar gedacht wird. Die
Vorherrschaft des Pachtverhältnisses stellt nach Turgots An
sicht von der geschichtlichen Entwicklung der socialen und
rechtlichen Bewirthschaftungsarten den am höchsten ausge
bildeten Zustand dar. Die übrigen Gestalten werden von der
Sklaverei an durchgegangen. Es lohnt sich kaum, noch be
sonders zu bemerken, dass der Arbeitslohn entsprechend den
Grundanschauungen der Physiokratie als blosse Gewährung
des nothwendigen Unterhalts gedacht wird. Alle Wertho be
stehen ja nach diesem System wesentlich in Nahrungsmitteln,
und die sterile Glasse producirt ja nach dieser Annahme nicht
mehr als sie verbraucht. Dem Wertausdruck nach fehlt es
daher auch im Hinblick auf den Arbeitslohn keineswegs an
der Vorstellung des später als Ricardoschor Begriff so berühmt
gewordenen Unterhaltsminimum. Doch wollen wir uns nicht
bei Ideen auf halten, die in ihrer unkritischen Gestalt Jedem
nahelagen, der seine Gedanken ein wenig in Bewegung setzte.
Die einfache Meinung, dass der Arbeiter eben nur den Unter
halt empfange, ist eine Reflexion, deren schwankender und un-