354 Vierter Teil. Weltwirtschaft und Handelspolitik. II. Industriestaat.
Der Erfolg der bisherigen Tätigkeit ist eine Verbilligung des Sinnens und —
durch eine vorteilhaftere Pressung — auch des Transports, ferner eine Steigerung der
Ausgiebigkeit der Baumwolle, eine fortschreitende Verbesserung der Qualität und eine
erhebliche Vergrößerung der Anbaufläche und der Erntemenge. Kreuzungsversuche
amerikanischer mit einheimischer Saat haben für die Togo-Baumwolle als bisher höchste
Taxe ergeben: „fully good middling, etwa 30 mm Stapel, Wert am 25. Februar 1904
75 Pfennig pro Vs kg.“ Der Ernteertrag des ersten Versuchsjahres hat 25000 Pfund
entkernte Baumwolle ergeben, die Ernte des zweiten Versuchsjahres stellte sich auf
50000 Pfund, 1903 wurden 100000 Pfund erzielt, die jetzt hereinkommende Ernte
von 1904 wird auf 200000 Pfund geschätzt, und in diesem Jahre ist es gelungen,
die Anbaufläche auf das Fünffache zu vermehren, so daß für 1905 eine Ernte von
etwa 1 Million Pfund erwartet werden kann. Auch diese letztere Menge ist, absolut
genommen, noch verschwindend klein, aber die rasche und progressive Zunahme der
Produktion berechtigt zu guten Erwartungen für die Zukunft.
Wie nun auch die bis jetzt vorliegenden bescheidenen Anfänge mit unserer
kolonialen Baumwollkultur sich gestalten mögen, zwei Gewinne können heute schon
verzeichnet werden.
Der erste Gewinn ist, daß es zum erstenmale an einem ganz besonders wichtigen
Einzelfall einem großen Teil der deutschen Industrie und des deutschen Pandels zum
Bewußtsein gekommen ist, wie es unter Amständen für die Sicherung unserer heimischen
Volkswirtschaft notwendig werden kann, auf die natürlichen Pilfsquellen unserer Kolonien
zurückzugreifen, und daß zuin erstenmale ein großer Teil der deutschen Industrie und
des deutschen Pandels sich zu einem einheitlichen Vorgehen, das die Nutzbarmachung
unserer kolonialen Pilfsquellen bezweckt, zusammengeschlossen hat.
Der zweite Gewinn ist, daß die Leitung und die bisherigen Erfolge der deutschen
Baumwollunternehmung die Aussicht eröffnen, daß die wirtschaftliche Energie in Ver
bindung mit der wissenschaftlichen Gründlichkeit — die Eigenschaften, denen das neue
Deutschland seinen großen wirtschaftlichen Aufschwung verdankt — auch aus kolonialem
Felde schließlich sich durchsetzen werden. Jedenfalls hat Deutschland in seinem
Baumwollunternehmen zum erstenmale auf kolonialem Gebiete bahnbrechend und
vorbildlich auch für die größeren und älteren Kolonialmächte gewirkt.
II. Das Problem des Industriestaates.
1. Der Übergang Deutschlands vom Agrarstaate
zum Industriestaats.
Von Ludwig Pohle.
Pohle, Die Entwicklung des deutschen Wirtschaftslebens im $. Jahrhundert. Fünf
Vorträge. Leipzig, B. G. Teubner, ,904. S. $-23.
Bis zur Gründung des neuen Reichs ist die schärfere Ausprägung des industrie
staatlichen Charakters Deutschlands ganz überwiegend das Ergebnis der Entwicklung
der innerdeutschen Verhältnisse. Das Maß von Industrialisienlng, das Deutschland
bis zu diesem Zeitpunkte erreichte, hat es in der Pauptsache aus eigener Kraft erreicht.
Der Pandelsverkehr mit dem Auslande ist dagegen zur Erklärung der Erscheinung erst