Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Einleitung. 
des Begriffs. Das Verhältnis zwischen Philosophie und Wissen- 
schaft ist nur äusserlich erfasst und beschrieben, solange man nur 
von einem wechselseitigen „Einfluss“ spricht, den beide aufeinander 
ausüben. Eine derartige Wirksamkeit ist nicht das Vorrecht eines 
einzelnen Gebiets, sondern gilt in gleichem Sinne für alle Inhalte 
und Richtungen der Kultur. Die Fassung unserer Aufgabe da- 
gegen setzt ein engeres, spezifisches Verhältnis zwischen beiden 
Gedankenkreisen voraus: sie sind uns gleich selbständige und 
gleich unentbehrliche Symptome ein und desselben intellektuellen 
Fortschritts. Was der moderne Begriff der Erkenntnis besagt, 
dafür sind Galilei und Kepler, Newton und Euler ebenso wichtige 
und vollgiltige Zeugen, wie Descartes oder Leibniz. Wie unlös- 
lich die zwei Reihen sich verketten und ineinandergreifen, lässt 
sich an der Hauptaufgabe, vor die das moderne Denken zunächst 
gestellt war, an der Kritik des Aristotelismus ermessen. Wir wer- 
den im einzelnen verfolgen können, wie hier die Anregungen, die 
von den philosophischen Disziplinen, von der Umbildung der 
Psychologie und der formalen Logik ausgingen, zu voller ent- 
scheidender Geltung erst gelangen konnten, als die exakte Wissen- 
schaft sie aufnahm und weiterführte. Die Gesamtentwicklung 
müsste sprunghaft und lückenhaft erscheinen, wenn wir uns der 
Betrachtung dieses wichtigsten Mittelgliedes begeben wollten. — 
Liegt somit der Beitrag, den Mathematik und Naturwissen- 
schaft für den Fortschritt des Erkenntnisproblems leisten, offen 
zutage, so ist es schwieriger, den allgemeinen Einfluss, der von 
den Geisteswissenschaften her geübt wird, zu bestimmen und 
deutlich abzugrenzen. Denn die Geisteswissenschaften treten uns 
zu Anfang der neueren Zeit noch nicht als ein selbstgenügsames 
und unabhängiges Ganze entgegen, das in sich bereits seinen festen 
Halt gefunden hätte. Ihr Gehalt ist gleichsam eingeschmolzen in 
das herrschende System der Metaphysik, das gleichmässig durch 
die Aristotelische Tradition, wie durch die Kirchenlehre bestimmt 
wird. Langsam nur treten die einzelnen gedanklichen Momente, 
die in diesem System wie unter einem dogmatischen Zwange zu- 
sammengehalten sind, in selbständigen, freieren Regungen hervor. 
Es bedarf der tiefen intellektullen Kämpfe der Renaissance, um 
die mannigfachen und verschiedenartigen Probleme, die in dem 
Weltbild des Mittelalters noch unterschiedslos verschmolzen sind.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.