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Nikolaus Cusanus.
einen Seite die Grenzenlosigkeit des Erkenntnisganges betont, so
steht ihm andererseits fest, dass alle Erkenntnis nur eine Aus-
einanderfaltung und Entwickelung des eigenen Besitzes ist, der
dem Geiste in seinen Prinzipien implicit bereits gegeben ist. —
Damit stellt der Begriff der „docta ignorantia“ einen Zusam-
menhang dar, der uns bis zu Descartes und Galilei hin in immer
neuen Wendungen entgegentreten wird. Nikolaus Cusanus hat
diesen Begriff nicht erfunden, sondern ihn, in fertiger termino-
logischer Bestimmtheit, von Augustin und den christlichen My-
stikern übernommen. Das Charakteristische und Neue aber be-
steht in der Umprägung seiner Bedeutung und seines inneren Ge-
halts, die hier vollzogen wird. Das Prinzip bezog sich bisher auf
das Gebiet des übersinnlichen Seins und blieb — in der Ne-
gation, wie in seinen positiven fruchtbaren Konsequenzen — völlig
innerhalb dieser Sphäre beschlossen. !?) Das „niedere“ Bereich der
empirischen Forschung war von Anfang an dem Blick und dem
Interesse der metaphysischen Erkenntnislehre entrückt. Jetzt ist
es eben dieser polemische Begriff des Nichtwissens, der jenes ver-
achtete Gebiet dem Erkennen neu erobern soll. Die Wirksam-
keit, die er in dieser Richtung entfaltet, tritt uns alsbald in einem
Fundamentalproblem der neuen Wissenschaft und Philosophie
entgegen: der Gedanke der „docta ignorantia“ ist es, der Cusanus
zuerst über die Relativität aller Ortsbestimmung aufklärt und
der ihn damit zum Vorläufer des Copernikanischen Welt-
systems macht.!) Die doppelte Richtung des Prinzips wird an
dieser Frage besonders deutlich : indem es, kraft seines skeptischen
Gehalts, die Existenz des absoluten Raumes und eines absoluten
Weltmittelpunkts aufhebt, erschliesst es zugleich die Mittel, die
Mannigfaltigkeit der Relationen, in denen der Kosmos fortan
besteht, zur gedanklichen Einheit zusammenzuschliessen.
Auch der Begriff der „conjectura“ gewinnt hier eine neue
und positive Bedeutung. Wie die reale Welt aus der unendli-
chen göttlichen Vernunft, so gehen alle unsere Annahmen aus
unserem Geiste, als ihrem Grunde, hervor. Die Einheit des mensch-
lichen Geistes ist die Wesenheit seiner Konjekturen: mentis hu-
manae unitas est conjecturarum suarum entitas.!*) So wird alles
einzelne Wissen bedingt und getragen von der Einheit des Geis-
tes und seiner Grundsätze und erhält erst in ihr festen Bestand.