Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

IL

Nikolaus Cusanus.

„Annahme“, die durch andere und genauere Hypothesen wiederum
verdrängt werden kann: „die Einheit der unerreichbaren Wahrheit
 wird von uns in der Andersheit der Annahme erkannt.“7)
Der beherrschende Gegensatz von Cusas Metaphysik ist damit auf
die Methodenlehre übertragen. Aber auch in ihr beginnt nunmehr
die innere Wandlung, die das Wertverhältnis der beiden gegensätzlichen
 Momente umgestaltet, Wenn die Schrift „de docta
ignorantia“ die Beziehung zwischen dem Absoluten und den Begriffen
 unserer Erkenntnis mit dem Verhältnis vergleicht, das
zwischen Kreis und Polygon besteht, so soll damit freilich zunächst
 der qualitative Wesensunterschied beider zum Ausdruck
gebracht werden. Dennoch trägt eben dieses Bild bereits den Keim
der gedanklichen Vermittlung in sich: denn wie der Fortschritt
der Philosophie der Mathematik lehrt, sind die unendlichen
Polygone nicht sowohl der Gegensatz, wie das notwendige und
unenthbehrliche Erkenntnismittel, um die Grösse des Kreises
zu bestimmen. Nikolaus Cusanus wagt zuerst den Satz, der auch
der antiken Exhaustionsmethode fern lag: dass der Kreis seinem
begrifflichen Gehalt und Sein nach nichts anderes, als ein Vieleck
 von unendlich vielen Seiten ist. Der Begriff der „Grenze“ ist
hier zu positiver Bedeutung erhoben: der Grenzwert selbst kann
nicht anders, als vermöge des unbeschränkten Prozesses der Annäherung
 erfasst und in seiner Bestimmtheit ergriffen werden. Die
Unabschliessbarkeit dieses Prozesses gilt jetzt nicht mehr als Beweis
 eines inneren, begrifflichen Mangels, sondern als Zeugnis
seiner Kraft und Eigenart: die Vernunft kann nur in einem unendlichen
 Objekt, einem schrankenlosen Fortgang zum Bewusstsein
 ihres eigenen Vermögens gelangen. Gerade die fortschreitende
Bewegung des Geistes, die von dem blossen Faktum zur Entdeckung
 der Gründe, vom „quia est“ zum „quid est“ vordringt,
enthält zugleich das Prinzip seiner Gewissheit und seiner Ruhe
in sich: in ihr erst ist der Geist seines eigenen unerschöpflichen
Seins und Lebens versichert.®) Das Bewusstsein des Nichtwissens
birgt daher einen tieferen und fruchtbareren Gehalt der Erkenntnis,
 als jede scheinbare, noch so gewisse positive Einzelbehauplung:
 denn wenn in dieser der weitere Fortschritt gleichsam gehemmt
 und zum Stehen gebracht ist, so ist in ihm der Ausblick
ins Unbegrenzte erhalten und Ziel und Richtung des Weges er-
            
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