Full text: Fortschritt und Armut

Aap. VI. 
Der Lohn und das Lohngesetz. 
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Handwerker sind gewöhnlich höher als die der einfachen Arbeiter, aber 
es gibt immer einige Handwerker, die im Ganzen nicht so viel verdienen 
als manche Arbeiter: die bestbezahlten Advokaten erhalten viel höhere 
Löhne als die bestbezahlten Kommis, aber die bestbezahlten Kommis 
verdienen mehr als manche Advokaten, und jedenfalls verdienen die 
schlechtest bezahlten Kommis mehr als die schlechtest bezahlten Advokaten. 
So stehen am Rande jedes Berufes diejenigen, für die die Aussichten 
zwischen einem Berus und dem anderen sich dermaßen die Wage halten, 
daß die geringste Änderung genügt, um ihre Arbeit nach der einen oder 
anderen Richtung hinzulenken. Deshalb kann eine Ab- oder Zunahme 
in der Nachfrage nach einer gewissen Art von Arbeit höchstens vor 
übergehend die Löhne in jenem Berufszweige über oder unter das in 
anderen Berufszweigen herrschende relative Niveau treiben, das durch 
die schon vorhin erläuterten Umstände, wie relative Annehmlichkeit, 
Beständigkeit der Beschäftigung usw. bestimmt wird. Selbst da, wo dieser 
Wechselwirkung künstliche Schranken entgegenstehen, wie beschränkende 
Gesetze, Zunft- und Kastenwesen usw., können sie wohl die Erhaltung 
dieses Gleichgewichts stören, aber nicht aus die Dauer verhindern. Sie 
wirken nur als Dämme, die das Wasser des Stromes über seine natür 
liche Höhe treiben, aber das Überfließen nicht verhindern können. 
Obgleich somit die Löhne von Zeit zu Zeit ihr Verhältnis zueinander 
ändern mögen, je nachdem die Umstände wechseln, welche die relativen 
Niveaus bestimmen, so ist es doch klar, daß der Lohn in allen verschiedenen 
Schichten schließlich von dem Lohne der niedrigsten und breitesten Schicht 
abhängen muß, daß somit der allgemeine Lohnsatz steigt und fällt, je 
Nachdem jener steigt und fällt. 
Die ursprünglichen und fundamentalen Beschäftigungen/auf denen 
sozusagen alle anderen beruhen, sind zweifellos die, welche direkt von 
der Natur Güter gewinnen; deshalb muß deren Lohngesetz das all 
gemeine Gesetz des Lohnes sein. Und da der Lohn in diesen Beschäfti 
gungen klärlich davon abhängt, was die Arbeit bei dem niedrigsten 
Punkte der natürlichen Produktivität, auf dem sie gewöhnlich noch auf 
gewendet wird, hervorzubringen vermag, so hängt der Lohn im all 
gemeinen von der Grenze des Anbaus ab, oder um es genauer aus 
zudrücken, von dem höchsten Punkte der natürlichen Produktivität, zu 
dem die Arbeit ohne Zahlung von Grundrente Zutritt hat. 
So einleuchtend ist dies Gesetz, daß es oft begriffen wurde, ohne 
unerkannt zu werden, von Ländern wie Kalifornien und Nevada wird 
oft gesagt, daß billige Arbeit ihre Entwicklung außerordentlich unter 
stützen würde, da dieselbe die Bearbeitung der ärmeren aber ausgedehn 
teren Goldablagerungen gestatte. Diejenigen, die so reden, begreifen 
das Verhältnis, zwischen niedrigem Lohn und einem niedrigen Pro 
duktionspunkte, aber sie verwechseln Ursache und Wirkung. Nicht der 
juedrige Lohn ist es, der die Bearbeitung geringhältiger Erze veranlaßt, 
londern es ist die Ausdehnung der Produktion auf den niedrigeren Punkt,
	        
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