Full text: Ferdinand Lassalle

177 
gefaßt worden. Seit vielen Jahren schon hatte die Gräfin 
ihre Familie, ihre Brüder auf den Knien flehentlich 
gebeten, den Beistand der Gerichte anzurufen. Aber 
dies gerade wollte die Familie absolut nicht. Da bei 
uns alle Prozesse öffentlich sind, so hatte der Graf durch 
das Übermaß seiner Infamien dieses Mittel — voni 
Standpunkt der Familie aus — unmöglich gemacht, 
denn mit Recht fürchtete die Familie vor allem die 
Öffentlichkeit für den stolzen Namen des gemeinsamen 
Geschlechts, wovon der Graf einer der Hauptrepräsen 
tanten war. Sie schrak zurück vor dem Gedanken, alle 
die von einem der Ihrigen begangenen Schandtaten zu 
entschleiern; sie schrak davor zurück, ihre eigene Schuld 
an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen, daß sie so lange 
solch unerhörte Untaten geduldet hatte. Sie schrak in 
aristokratisch-politischem Interesse davor zurück, uni dem 
Hasse, den das Volk überall gegen die Aristokratie hegt, 
nicht neue Nahrung zu geben. 
Oft hatte die Familie der Gräfin gesagt: Gedulde dich 
noch; wenn der Graf noch einmal sein Wort bricht und 
dies oder jenes tut, dann sei versichert, wir werden ihm 
selbst den Prozeß machen. Der Graf hatte dies oder jenes 
wieder getan, aber immer, wenn nun die Gräfin den 
Prozeß anfangen wollte, sagte man ihr: Wenn du den 
Prozeß beginnst, wirst du unsere gemeinschaftliche Fein 
din, wir werden uns alle gegen dich kehren! O Sophie, 
welch feigen Mißbrauch hat man mit der feigen Schwach 
heit eines Weibes getrieben! Die Gräfin, allein, ohne 
einen Pfennig Geld, ohne jegliche Hilfe und mit der 
Gewißheit, die ganze Familie gegen sich zu haben, konnte 
nicht daran denken, sich selbst zu helfen.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.