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gefaßt worden. Seit vielen Jahren schon hatte die Gräfin
ihre Familie, ihre Brüder auf den Knien flehentlich
gebeten, den Beistand der Gerichte anzurufen. Aber
dies gerade wollte die Familie absolut nicht. Da bei
uns alle Prozesse öffentlich sind, so hatte der Graf durch
das Übermaß seiner Infamien dieses Mittel — voni
Standpunkt der Familie aus — unmöglich gemacht,
denn mit Recht fürchtete die Familie vor allem die
Öffentlichkeit für den stolzen Namen des gemeinsamen
Geschlechts, wovon der Graf einer der Hauptrepräsen
tanten war. Sie schrak zurück vor dem Gedanken, alle
die von einem der Ihrigen begangenen Schandtaten zu
entschleiern; sie schrak davor zurück, ihre eigene Schuld
an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen, daß sie so lange
solch unerhörte Untaten geduldet hatte. Sie schrak in
aristokratisch-politischem Interesse davor zurück, uni dem
Hasse, den das Volk überall gegen die Aristokratie hegt,
nicht neue Nahrung zu geben.
Oft hatte die Familie der Gräfin gesagt: Gedulde dich
noch; wenn der Graf noch einmal sein Wort bricht und
dies oder jenes tut, dann sei versichert, wir werden ihm
selbst den Prozeß machen. Der Graf hatte dies oder jenes
wieder getan, aber immer, wenn nun die Gräfin den
Prozeß anfangen wollte, sagte man ihr: Wenn du den
Prozeß beginnst, wirst du unsere gemeinschaftliche Fein
din, wir werden uns alle gegen dich kehren! O Sophie,
welch feigen Mißbrauch hat man mit der feigen Schwach
heit eines Weibes getrieben! Die Gräfin, allein, ohne
einen Pfennig Geld, ohne jegliche Hilfe und mit der
Gewißheit, die ganze Familie gegen sich zu haben, konnte
nicht daran denken, sich selbst zu helfen.