Full text: Entstehung und Bedeutung der Preußischen Städteordnung

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ja wo nur, wie im leichten Gespräch geschieht, darüber hingewinkt oder 
nur gelächelt ward, Stein immer als der Fürst und der andere oft nicht 
viel über dem Diener zu stehen schien. Da empfand man klar, dies war 
ein Gebiet, auf welchem der Herzog sich fremd fühlte, oder vielmehr, wo 
er sich mit allen Sitten und Gewohnheiten auf sein gemeines Feld ver⸗ 
lief und verlor. 
Der Herzog erzählte eine Menge anstößlicher Geschichtchen von dem 
Dichter Zacharias Werner, welcher eine Zeitlang unter seinen Augen 
gelebt hatte, alles in seiner leichtfertigen, lockern Weise, so daß dem 
Freiherrn der Kamm schwoll: „Der arme, dünnschälige Kerl,“ sagte der 
Herzog, „hatte sich eingebildet, er könne und müͤsse in einer Art körper⸗ 
licher Seelenwanderung durch alle möglichen weiblichen Naturen den 
Durchgang machen, bis er die finde, welche Gott recht eigentlich für ihn 
geschaffen habe. Das war so seine poetische Naturlehre.“ Stein fiel 
ihm hier ein: „Sie sollten sagen, es war eine fürstliche.“ Der Herzog 
schloß mit Nutzanwendung, daß eigentlich jeder Mann Ähnliches duch 
zemacht habe, „und Sie — wendete er fich zu Stein — haben auch 
wohl nicht immer wie Joseph gelebt.“ — „Wenn das wäre,“ erwibert 
Stein, „so ginge das niemand etwas an, aber immer habe ich Abscheu 
vor schmutzigen Gesprächen gehabt und halte es nicht für passend, daß 
ein deutscher Fürst dergleichen vor jungen Offizieren — es saßen mehrere 
solche neben älteren Männern da — so ausführe.“ Der Herzog ver⸗ 
stummte, und es erfolgte eine Totenstille. Nach einigen Minuten fuhr der 
Herzog mit der Hand über das Gesicht und setzte, als sei nichts vor— 
gefallen, die Unterhaltung fort: den Anwesenden aber war heiß und kalt 
geworden. — 
Stein trat nicht wieder in die große, weite, bunte öffentlichkeit des 
Lebens hinaus; er blieb zu Hause. Aber er blieb nicht zu Hause, um 
den Reft seiner Tage im Genuß gemeinen Müßiggangs zu verleben. 
Ihm waren für eine fernere Wirksamkeit höchste Ehren angetragen worden. 
Metternich wollte ihn zum Präsidenten des deutschen Bundestags machen, 
Preußen zu seinem Syrecher und Vertreter bei demselben:er lehnte 
das ab. 
Stillsitzen, im stillsitzenden Genuß eines reichen Schloßherrn, der 
sich mit Reiten und Jagen, mit Schmäusen und Festgelagen zu Hause 
und bei den Nachbarn der guten Tage genug machen gekonnt hätte — 
das konnte dieser Mann nicht. Da er keine große, ministerliche oder 
diplomatische Tat mehr tun konnte noch tun wollte, so sann er sogleich, 
als ihm ein erster Ruhetag des getümmelvollen Lebens erschienen war, 
doch wieder auf eine recht tüchtige, deutsche Tat: auf die Samm— 
lung und Herausgabe der Urkunden und Schriftdenkmäler 
der deutschen Geschichte des Mittelalters — der Monumenta 
Germaniae. Da habe ich den Mann gesehen in seinem nassauischen
	        
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