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Der sich ent
wickelnde
Zollkampf.
erlangen, zur Ausgleichung gegenüber den billiger produzierenden und
namentlich vielfach weniger durch Steuern belasteten ausländischen
Produktion; dann, um diesen Schutz zu verallgemeinern und nicht ein-
zelne Zweige mehr zu begünstigen als die anderen. Er proklamierte
damit den „Schutz der nationalen Arbeit“, der sich insbesondere durch
lie sich mehr und mehr herausstellende ungünstige Handelsbilanz für
Deutschland als notwendig erweise und in dem allgemeinen Aufschwung
der Produktion einen ‘reichlichen Ausgleich gegenüber der Zolllast
ringen werde, die damit den Konsumenten zugemutet würde. Zugleich
noffte er, wie er es in den weiteren Reden begründete, schon durch
einen ganz mässigen Finanzzoll auf Getreide der Landwirtschaft eine
zrhebliche Erleichterung zu verschaffen, indem er meinte, dass aus
Spekulation eine weit über den Bedarf hinausgehende Einfuhr von Ge-
;reide stattfinde, welche dem Landwirt den Verkauf des eigenen Pro-
Iuktes wesentlich erschwere. Da nun auf Grund dieses Programms
‚eue Handelsverträge nicht zu stande kamen, weil auch die übrigen
Länder mit Freuden die Gelegenheit ergriffen, um freie Hand zu
agener willkürlicher Zollerhöhung zu erlangen, so ging Deutschland durch
las Zollgesetz vom 15. Juli 1879 auf den autonomen Zolltarif auf
stark schutzzöllnerischer Basis zurück. Auf Weizen, Roggen und Hafer
wurde 1 Mk. pro Doppelzentner gelegt, auf die übrigen Getreidearten
50 Pf.; Vieh, Fleisch, tierische Produkte, Bau- und Nutzholz erhielten
‚eils neue, teils erhöhte Zölle. Als Gegengabe waren die Landwirte für
Zölle auf Eisen und Eisenwaren eingetreten und hatten auch der Textil-
ndustrie einen erhöhten Schutz bewilligt. In gleicher Weise wurde eine
zanze Anzahl anderer Industriezweige begünstigt. Wichtig war ausserdem
die Bestimmung des Gesetzes, durch welche die Regierung freie Hand
arhielt, die Herkunft aus solchen Staaten, welche deutsche Schiffe und
Waren ungünstiger behandelten als die anderer Länder, mit einem Zoll-
zuschlag von 50%, zu belegen. Damit war man auf eine abschüssige
Bahn getreten, auf welcher man zu einem allgemeinen Zollkampf und
aun von Jahr zu Jahr zu weiteren Zollerhöhungen gelangte. Schon in
den nächsten Jahren wurde der Zoll für verschiedene Industriezweige
erhöht, 1885 für Brotgetreide auf 3 Mk., 1887 auf 5 Mk.
Diese Massregeln riefen natürlich Gegenzüge der anderen Länder
hervor. Oesterreich erhöhte 1882 die Industriezölle bedeutend und
aochmals im Jahre 1887. In dem ersteren Jahre führte es auch Ge-
:reidezölle ein. Frankreich steigerte im Jahre 1881 die meisten
Zölle um 25%. Namentlich wurde der Schutz auf Zucker, Getreide
ınd Vieh bedeutend verschärft. In Russland verging kaum ein Jahr
ihne irgend eine Zollerhöhung, die für Deutschland sich empfindlich
arwies; und das Vorgehen Nord-Amerikas in dieser Hinsicht ist früher
bereits charakterisiert. So war man in einen allgemeinen Zollkrieg
hineingeraten, durch den sich alle Länder gegenseitig schädigten und
ın dem eine Grenze der Schraubung nicht abzusehen war. Dabei stellte
sich mehr und mehr heraus, dass auch die geschützten Produktions-
zweige nicht den Vorteil davon hatten, als es erwartet war. Vor allen
Dingen waren in den achtziger Jahren die Preise der lundwirtschaft-
lichen Produkte nicht gestiegen, sondern im Gegenteil noch weiter ge-
zunken, und ebenso hatte die Einfuhr von Getreide nicht abgenommen,
wie es erwartet worden war. sondern sich Hand in Hand mit der Zu-