553) Das Wesen und die Stufen der Geldwirtschaft. 95
und Korporationen, die alte Feudalverfassung, es macht große starke Staatsgewalten mit
geldbesoldeten Beamten und Soldaten möglich; es differenziert die Gesellschaft, erzeugt
Reibung und Kampf, Konkurrenz und Fortschritt.
Wir kommen unten (S. 97— 909) auf diese allgemeinen Folgen der Geldwirtschaft
zurück. Hier kam es nur darauf an, die beiden Typen nebeneinander zu stellen, die Geld⸗
wirtschaft als die Wirtschaftsweise zu charakterisieren, welche die Naturalwirtschaft nach und
nach ersetzt. Sie schiebt sich langsam zwischen die alten Formen der Naturalwirtschaft,
zersprengi deren alte Zusammenhaͤnge, verändert die Motive und die wirtschaftlichen In⸗
ftitutionen, aber doch nie so, daß der Geldverkehr, der an einem Punkte Platz gegriffen,
sofort auf alle anderen Gebiete übergriffe. Besonders der Marktverkehr der Waren, die
Bezahlung der Arbeit in Haus, Unternehmung, Gemeinde und Staat, die ganze Ordnung
der öffentlichen Wirtschaften, das sind relativ selbständige Gebiete, die in verschiedener Zeit
von der Geldwirtschaft erfaßt werden, wie auch das wirtschaftliche Getriebe des platten
Landes gegenüber dem städtischen. Gerade in der Thatsache, daß die fortschreitende
— Selb⸗
ftaͤndigkeil nebeneinander hergehender Glieder erfolgt, daß jedes dieser Glieder sich selb—
ftändige und eigentümliche geldwirtschaftliche Institutionen schaffen muß, liegt die
Schwierigkeit, das Problem einheitlich zu fassen.
Naturlich fehlt ein Zusammenhang und eine gewisse gleichmäßige Stufenfolge
in der geldwirtschaftlichen Entwickelung dieser Teile der Volkswirtschaft nicht ganz.
Das agrarische Landleben bleibt überall sehr viel länger in den Formen der Natural⸗
wirtschaft als Handel, Gewerbe und Stadtleben. Die Gemeinde- und Staatseinrichtungen
pflegen allerorts viel später als der Warenmarkt von der Geldwirtschaft erfaßt
zu werden. Aber diese Folgen und Zusammenhänge gestalten sich doch überall wieder
verschieden. Wir sehen heute noch in jeder Volkswirtschaft, jedem Landesteile, jedem
Staͤcte verschiedene Stücke von Naturalwirtschaft, die sich erhalten haben. Ist die
Wirischaft der Familie, der Kaserne, des Arbeitshauses überall bis heute stückweise
naturalwirtschaftlich, so doch in recht verschiedenem Grade. Ob Arbeiter und Lehrlinge
noch unter dem Dache des Unternehmers hausfen oder nicht, ob die Dienstboten ihr
Essen oder das Geld dafür erhalten, hängt nicht bloß vom Grad der allgemeinen
geldwirtschaftlichen Entwickelung, sondern von vielen anderen Ursachen mit ab. Der
eine Staat hat — bei gleicher Geldwirtschaft — heute noch die allgemeine Wehrpflicht,
ein Einquarlierungs- und Pferdegestellungswesen als Stücke halber Naturalwirtschaft,
der andere nicht.
Immer aber wird man versucht sein, alle diese Einzelheiten zu Gesamtvorstellungen
und Gesamteindrücken zusammenzufassen, und so möchte ich die folgende Schätzung wagen,
ohne fie freilich im einzelnen beweisen zu können; ich möchte sagen: im Altertum habe
der Geldverkehr auch für die entwickeltsten Epochen Griechenlands und Roms sicher nie
uüber 168 —28, nur an einzelnen ganz wenigen Punkten, z. B. in Handelsstädten, bis
etwa 50 Prozent der Volkswirtschaft erfaßt; im älteren Mittelalter werden es nicht
über einige Prozent, auch 1400 1800 meist nicht über 18 — 40 Prozent gewesen fsein;
im 19. Jahrhundert erst wird er 50, 60 bis 80 Prozent der gesamten wirtschaftlichen
Vorgänge in“ den entwickelteren Kullurländern in sein Bereich gezogen haben. Jede
dieser Ausdehnungen wurde natürlich als ein Sieg der Geldwirtschaft empfunden,
mußte einen Teil der Folgen herbeiführen, die man an ihr preist oder beklagt.
Freilich konnte nie die Quantität der Ausdehnung allein entscheidend sein, sondern
auch die Qualität; die größere oder geringere technische Vollkommenheit des Geld⸗ und
Münzwesens, als Instikution, mußte die größten Unterschiede erzeugen. Wir haben
oben die Phasen dieser Ausbildung in ihren Grundzügen kennen gelernt. Wir sahen,
daß relativ hoch entwickelte Handelsstaaten sogar ohne gemünztes Geld schon einen
erheblichen Verkehr hatten, daß später viele Völker und Stämme lange ein so kümmer—
liches Münzwesen hatten, daß ihre Zustände kaum als geldwirtschaftliche zu bezeichnen
seien. Wir erfuhren, daß die Ausbildung eines gut geordneten Geld- und Münzwesens
sio große technische, finanzielle und organsatorische Schwierigkeiten bietet, daß viel mehr