Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

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Geldgeschäft der Messe. Neueres Marktwesen. 25 
Waren die Jahrmärkte die älteste Form des Marktes, ihre größere Ausbildung 
gehört doch erst der Zeit vom 14. 5185, die Hauptblüte der Messen noch späterer 
Zeit an. Die Messe in Frankfurt a. O. hatte erst 18844585 ihren größten Umschlag, 
die in Nishnij⸗-Rowgorod wuchs noch bis 1882, ging erst von da an zurück. Die 
gewöhnlichen Wochen- und Jahrmärkte haben bis in die neueste Zeit in dändern wie 
Rußland zugenommen, sie find nirgends so zahlreich wie in Ländern, die auf der 
Stufe des westeuropäischen Mittelalters heute sind, 3. B. in Nordafrika, in Arabien. 
Das Maß von Arbeitsteilung und Verkehrstechnik, wie fie vor den Posten, Eisen— 
bahnen und Telegraphen vorhanden waren, bildet die Vorbedingung für dieses ältere 
Marktwesen, mit feiner festen Rechtsverfafsung, seiner Konkurrenzregulierung, fei nem 
Kampf gegen den Zwischenhandel, seiner Zerlegung aller Geschafte in bestimmle, zeitlich 
und örtlich geschiedene Sphären. Die Einrichtungen schufen ein im ganzen loyales 
Geschäftsleben, aber auch viele hemmende Schranken des Verkehrs, die vom Eigennutz 
sehr mißbraucht werden konnten, den fortschreitenden Verkehr, die höhere Ausbildung 
der Arbeitstetlung hinderten. Sie wurden von den Vertretern des Fortschritis längst 
bekäm pft, mußten im 19. Jahrhundert nach und nach zu einem großen Teil fallen. 
154. Das Marktwesen der neueren Zeit. Den Umschwung zu anderen 
Verhältnissen bezeichnet es, wenn ein Franzose schon gegen 1700 Holiand preist, daß es 
ohne Messen auskomme, weil das ganze vand jahraus und jahrein den Handel habe, zu dem 
andere Staaten sich nur periodisch in ihren großen Jahrmärkten aufschwängen. Und 
Turgot meint, Messen seien kein Zeichen blühenden, fondern gefesselten, mittelmäßigen 
Verkehrs. Roscher führt das ganze ältere Marktwesen darauf zurück, daß der ältere 
Verkehr zu dünn und schwächlich, um das ganze Jahr und überall hin zu fluten, 
gleichsam der örtlichen und zeitlichen Aufstauung durch allerlei Mittel und Schranken 
bedurfte, um zu blühen. Ich möchte sagen, so lange Briefverkehr, Post, kaufmännische 
Presse, Chaufseen und Eisenbahnen fehlien, die Bevölkerung nicht zahlreich war und 
zerstreut wohnte, konnte der mäßige Verkehr des persönlichen Zusammenkommens der Käufer 
und Verkäufer, der Warenbesichligung nicht entbehren, konnten die zahlreichen, kost⸗ 
spieligen Mittelglieder des Zwischenhandels, welche heute die Maͤrkle vielfach überflüssig 
machen, nicht entstehen. So lange alle politischen Körper klein waren, fast nur Stadt— 
und Kantonstaaten bestanden, konnte auch nur eine im ganzen lokale Marktorganisation 
und -Ordnung existieren. Wenn es von 1800 1850 nach und nach anders wurde, so 
hatten daran' die verbesserte Verkehrstechnik, der Briefverkehr, die Seeschiffahrt, die 
Kanäle, die besseren Wege, die Scheidung der Transportgewerbe vom Handel, die 
Zunahme der Geschäfte auf den Messen ebenso viel Anteil, wie die moderne Staaten— 
bildurg, welche einheitliche Märkte innerhalb der entstehenden Außenzolllinien herzu— 
stellen suchte. Die wachsende Größe und die centralistische Verfassung und Verwaltung 
der Staaten schuf oͤder erleichterte eine interlokale Arbeitsteilung und einen großen 
innerstaatlichen und internatignalen Verkehr, beides freilich zunächft nur für die kraus— 
portabelsten Waren, wie Gewebe, feinere Manufakte, Kolonialwaren. Im übrigen 
blieben der lokale Markt und die Grundzüge seiner Verfassung bis gegen 1850 ziemlich 
unverändert. Der sich ausbildende Handel blieb 16001850 ind seine zahlreichen 
Stationen zerteilt; weil er komplizierter wurde, bildete er die Hülfsorgane, Spediteure, 
Makler, Kommissionäre etwas welner aus, schied sich in verschiedene Ärten von Groß⸗ 
und Kleinhändler, wurde in dem Maße einflußreicher und gewinnreicher, als er meist 
noch korporativ organisiert, sich die Konkurrenz nicht all zu schwer fernhalten konnte, das 
große verkaufende und einkaufende Publikum ohne Kenntnis der vergrößerlen Rärtte— 
und der komplizierten Handelseinrichtungen blieb. 
Erst im neunzehnten Jahrhundert und hauptsächlich in seiner zweiten Hälfte 
wurde das Marktwesen definitiv ein anderes. Für immer mehr Waren bildeten sich 
an Stelle der lokalen die provinziellen, nationalen und Weltmärkte, oder vielmehr die 
fortbestehenden kleineren Märkte kamen mit den größeren in solche Berührung, kamen 
in solche Abhängigkeit von ihnen, daß sie ihre Selbständigkeit und damit auch ihre alte 
Verjassung ganz oder teilweue verloren. Der Briei⸗ und telegraphische Verkehr, die
	        
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