1083)] Die russische Schutzzoll- und Wirtschaftspolitik 1880 — 1900. 6258
werden. Die Losung wurde: stärkste Erhöhung aller Steuern, auch der Finanzzölle,
hohe Zollbelegung auch der Rohstoffe und der Halbfabrikate, steigende Schutzzölle für
die Eisen- und Maschinenindustrie, die Textilgewerbe, die Industrie von Zucker, Bier,
Chemikalien, kurz für alle möglichen neuzuschaffenden Großgewerbe, bis endlich der neue
Tarif vom 11. Juni 1891 alle Erhöhungen von 1881 an zusammenfaßte und noch
steigerte, bei Sätzen von 60—150, ja von 2000/0 des Wertes, bei einem die Ver—
einigten Staaten übertreffenden Hochschutzsystem ankam. Einführung von Rückzöllen
und Prämien, Verminderung der Einfsuhr, Steigerung der Ausfuhr um jeden
Preis, zugleich Vollendung der russischen Eisenbahnen, Verminderung der Eisenbahn⸗
tarife, Ausbildung und Verbilligung des Kredits, Vermehrung der russischen Ausfuhr
nach dem Osten, nach Persien, China, Centralafien, Rückkehr zu einem sehr beengenden
Fremdenrecht in sämtlichen Westgouvernements durch das Gesetz vom März 1887, das
den Fremden den Erwerb von Grundeigentum verbietet und die zahlreichen Unter⸗
nehmungen in westeuropäischen, hauptsächlich deutschen Händen rufsifizieren will, —
das waren die Ziele der russischen Finanz- und Wirtschaftspolitik, die bis heute mit
aller Energie festgehalten werden.
Zwei energische, rücksichtslose Finanzminister, der zweite 1893 — 1903 amtierende, Witte,
ein genialer Finanzmann im Stile John Laws, wußten ein System der Geldbeschaffung
um jeden Preis für eine kühne Expansionspolitik auszubilden, hauptsächlich der letztere
verstand Gründungen aller Art zu fördern, Kartelle zu schaffen, dabei alle Fäden' des
privaten Erwerbslebens, des Kreditwesens, der Finanzen in seiner Hand zu vereinigen,
und doch dem privaten Erwerbstrieb der Großfabrikanten die weitesten und günstigsten
Chancen zu eröffnen. Die wichtigsten Industrien, vor allem die Eisen- uüd Textil⸗
industrien machten, zumal 1881—1888 riefenhafte Fortschritte. Der Jahresproduktions—
wert der russischen Industrie ist 188741897 von 1334 auf 2889 Mill. Rubel ge—
stiegen. Das fremde Kapital strömte massenhaft herein; Dividenden von 1000/0 waren
—
Geschäfte eingingen, so blieben doch die meisten Fabriken bestehen und gingen eventuell
in andere, womoͤglich russische Hände über. Die russische Ausfuhr, noch 1868 226 Mill.
Rubel, stieg auf 75800 Mill. Die Einfuhr besteht jetzt überwiegend aus unentbehr—
lichen Materialien und Maschinen für die Neugründungen; an Konsumwaren trifft man
in Rußland fast nur noch russische. Das russische Reich hat sich 1800 — 1899 von 18 auf
22,4 Millionen qkm, von 42 auf 128,9 Millionen Seelen ausgedehnt; vom äußersten
Norden reicht es bis in die warme Zone, erzeugt schon !/s feines Baumwollbedarfes selbst.
Rußland erhielt erst durch seinen Eisenbahnbau 1870 —1900 das Gefühl seiner Einheit
und Aktionsfähigkeit, durch das massenhafte Einströmen fremden Kapitals die Möglichkeit
eines ganz großen Aufschwunges. Aber es wollte nun allzu rasch die kapitalistische Ab—
hängigkeit vom Auslande durch eine fast gewaltsame Handels-, Fremden-, Eroberungs—
und Kolonisationspolitik überwinden.
Freilich die Verschuldung des Staates ist ungeheuer, fast bis zur politischen Ge—
jahr gewachsen; an Schuldzinsen hierfür und für Eisenbahnen, Aktien u. . w. waren schon
1896 jährlich 180 Mill. Rubel ans Ausland zu zahlen; das Leben ist verteuert, alle
Preise sind sehr gestiegen; die Eisenbahn- und Industriegesellschaften hätten um Millionen
billiger entstehen können. Die Steuern erdrücken das Volk. Eine kleine Schichte Kultur—
menschen mit westeuropäischer Bildung steht über Millionen Barbaren niedriger Stufe,
ein großer Teil des Bauernstandes ist ruiniert und halb verhungert. Der Dirigent
des ganzen Systems ist entlafsen, nachdem einer der Großfürsten die Not der Provinzen
durch eine Inkognitoreise festgestellt und dem Kaiser berichtet hatte: Wir müssen den
Abenteurer, der Rußland an den Rand des Abgrundes gebracht hat, so schnell wie mög—
lich los werden. Andere Stimmen versichern, er habe keinen andern Ausweg mehr ge⸗
wußt, als das Einlenken in konstitutionelle Bahnen, und sei deswegen gefallen.
Immer bleibt Rußlands wirtschaftlicher Aufschwung durch das Schutzsystem von
1882-1904 und seine Eroberungen nach Osten eine große weltgeschichtliche That⸗
ache. Es ist eine Merkantilpolitik ähnlich der westeuropäischen im 16. und 18. Jahr⸗
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. II. 1.—6. Aufl.
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