Priestley.
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Autorität in religiösen Fragen verwerfen, dass sie das neue
Testament, in dem Jeder sich selbst seinen Glauben und Moral
suchen kann, für die ausschliessliche Grundlage aller Religion
halten, dass sie eine Hierarchie, namentlich eine solche mit
politischen Rechten, dass sie römische Ceremonien und
Liturgie unbedingt verwerfen — als echte Fortsetzer der
Reformation des 16. Jahrhunderts.
Als ein besonders rühmenswerther Fortschritt der heu-
tigen, gebildeteren Dissenters gegenüber den alten Puritanern
erscheint es Priestley, dass erstere unbedingte Toleranz auch
für Atheisten und Katholiken verlangen — was auch zweck-
mässig sei, da das wahre Christenthum sich durch eigene
Kraft halte. Es ist kein Widerspruch gegen diese Toleranz,
wenn die Irreligiosität von Voltaire und Rousseau heftig be-
kämpft wird (s. A Free Adress to Protestant Dissenters by a
Dissenter, erste Aufl. 1769; zweite 1771, Works Bd. 22.
S, 247 ff.1)
In den beiden dem Titel nach rein politischen Schriften
„The Present State of Liberty in Great Britain and her Co-
lonies by an Englishman‘“ (1769) und der Hauptschrift „Essay
on the first Principles of Government“ (erste Aufl. 1768,
zweite 1771) nimmt, wie schon erwähnt, die Vertretung der
Dissenterinteressen ebenfalls grossen. Raum ein.
Aus der erstgenannten Schrift ist die Parteinahme für
die Amerikaner hervorzuheben, besonders aber, dass Priestley
Zwar an der damaligen Parlamentsverfassung viel auszusetzen
hat, aber doch das allgemeine gleiche Wahlrecht nicht will
Die yotten boroughs und die Wahlcorruption sind ihm ein
Greuel, er verlangt aber nur Ausschluss aller Hofpensionäre
und Söhne von Adeligen aus dem Haus der Gemeinen, kür-
zere Wahlperioden, Abschaffung der kleinen Wahlflecken,
Vereidigung der Candidaten gegen Corruption, und geheime
Abstimmung, während er gegenüber dem allgemeinen Wahl-
recht sagt, „es sei genügend, wenn die Wahl der Obrigkeit
?) Zu vergleichen auch die kleineren Schriften, Adressen etc, Works
Bd. 22, 8. 399-—499.
Held, Soc. Gesch. Engl.