Full text: Zwei Bücher zur socialen Geschichte Englands

58 
Erstes Buch, Cap. 1. 
er ist praktisch nur für mässige Reformen der englischen 
Verfassung, die im Allgemeinen ein richtiges Maass politischer 
Freiheit für einen grossen Staat gewährt. Dagegen geräth 
Priestley bei den Principien über Volkssouveränetät, Verant- 
wortlichkeit aller Staatsdiener incl. des Königs in sehr extreme 
Lehren, deren Mittelpunkt in Reminiscenz an die Zeiten Locke’s 
das Recht des Widerstands gegen die Regierung ist. Auch 
hier wieder sind die Theorien Rousseau’s und Bentham’s ver- 
einigt. Die Republik mit gleichen Rechten Aller ist das Ur- 
sprüngliche und lebt auf, sowie die jeweilige Regierung 
pflichtwidrig handelt — also das Recht zur Revolution 
wird aus dem Rousseau’schen Naturrecht abgeleitet; und 
die Revolution ist erlaubt, wenn ihre schlimmen Wir- 
kungen weniger schlimm sind als die bekämpften Zustände, 
Uebrigens hält Priestley mit Locke diese Theorie für unge- 
fährlich, da faktisch Revolution nur in verzweifelten Fällen 
gemacht wird. 
Das richtige Mass bürgerlicher Freiheit im Staat kann 
nur durch Experiment festgestellt werden. Es liegt aber zu 
Tage, dass Priestley möglichst geringe Ausdehnung der Staats- 
gewalt wünscht; so soll auch Erziehung und Bildung Privat- 
sache bleiben und namentlich soll sich der Staat möglichst 
wenig um Religion kümmern. ‚In bürgerlichen Angelegen- 
heiten wird ein gewissenhafter Christ der bürgerlichen Obrig- 
keit gehorchen, wo aber Religion in Frage kommt, wird er 
nur auf die Gebote seines eigenen Gewissens und die Ermah- 
nungen seines erwählten geistlichen Führers hören“ (1. c. S. 85). 
Die Staatskirche ist daher weder nützlich noch nöthig, soll 
aber vorerst doch nicht abgeschafft, sondern nur reformirt wer- 
den, ebenso wie die ganze englische Verfassung nur schritt- 
weise verbessert werden soll. 
Den Schluss bilden dann pathetische Ausführungen, in 
denen der Schüler Rousseau’s und Vorläufer Bentham’s Pa- 
triotismus, monarchisches Gefühl und allgemeine Freiheits- 
schwärmerei weniger consequent und scharf als ehrlich mit- 
ginander verbindet. 
Priestley behält sein Dissenterchristenthum als nützliche
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.