Politische u. soziale Wandlungen; Schicksale des ostfränkischen Reiches. 95
die Aussichten sozialen Aufsteigens zunächst innerhalb der ein⸗
zelnen Grundherrschaft.
Damit nicht genug. Der Abstufung innerhalb der einzelnen
Grundherrschaft trat die Abstufung der Grundherrschaften unter
einander zur Seite. Der Unfreie der fiskalischen Grundherrschaft
stand in höherer Achtung, als sonstige Unfreie: konnte ihn doch
königliche Huld über den Rahmen des grundherrlichen Dienstes
hinaus bis zum Sakebaron oder Grafen aufsteigen lassen:
die den fränkischen Fiskusunfreien entsprechenden Unfreien des
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schalke. Und waren die Unfreien großer Laiengrundherren stolz
auf die Macht und das königliche Ansehen des Gebieters, so
rühmten sich die Unfreien der kirchlichen Grundherrschaft ge—
ringerer Lasten und reicheren Besitzes.
Nach Herrschaft, Dienst und wirtschaftlicher Stellung
gliederte sich unter dem Einfluß des Großgrundbesitzes die bisher
gleichförmige Masse der unfreien Bevölkerung: das Recht folgte
dem sozialen Scheidungsvorgang, indem es die verschiedene Lage
auch privatrechtlich anzuerkennen begann: eine höhere Stufe der
Entwicklung ward gewonnen. Auf ihr stießen die Unfreien
ohne weiteres mit den Hörigen zusammen.
In der That lassen sich die Hörigen in Karlingischer Zeit
don den Unfreien häufig nur schwer noch scheiden, und wo die
Scheidung gelingt, da geben der Regel nach nicht mehr wirt⸗
schaftliche und soziale Momente der Gegenwart, sondern alt⸗
fränkisches Recht und verjährter Anspruch den Ausschlag. Hatten
doch Unfreie und Hörige, beide der Grundherrschaft gleichmäßig
zugethan, um diese Zeit schon wesentlich dieselbe Beschäftigung;
höchstens geringere Lasten und hier und da größere Rechts—
fähigkeit zeichneten die Hörigen noch aus. Und schon nahte
die Zeit, wo sie mit den Unfreien in die eine Klasse der Grund—
holden verschmelzen sollten. Die Bildung dieser Klasse, einer
einheitlichen, in sich vielgegliederten dienenden Gesellschaft der
Grundherrschaft, wurde aber in der Form, wie sie gegen Ende
des 9. Jahrhunderts ins Leben tritt, ermöglicht erst durch den