154 Sechstes Buch. Erstes Kapitel.
In der inneren Geschichte unseres Volkes schließt der Sieg
auf dem Lechfelde die einheimischen Wirren der fünfziger Jahre
des 10. Jahrhunderts ab, eine versöhnende Beweisführung
gleichsam zu Gunsten der königlichen Gewalten. Und schon
hatte Otto aus der neuen Machtstellung, die ihm seine Siege
über die inneren wie über die äußeren Feinde verliehen hatten,
neue Folgerungen zu ziehen begonnen.
Während des Aufstandes waren die Erzbischöfe von Köln
und Mainz gestorben, die Herzöge von Schwaben und Lothringen
abgesetzt worden; Herzog Heinrich von Baiern starb im Herbste
9565, bald darauf auch der Erzbischof von Trier: alle Herzogs—
ämter, alle rheinischen Erzstühle waren binnen wenigen Jahren
neu zu besetzen.
Otto benutzte die Gelegenheit zu einer Schwenkung in der
inneren Politik. Schwaben und Baiern wurden jetzt wiederum
einheimischen oder halb einheimischen Geschlechtern überlassen,
aber ohne die Anerkennung irgend einer Art von Erbrecht.
Lothringen, schon etwas früher erledigt, wurde zunächst dem
gelehrten Bruder des Königs, Bruno, der zum Kölner Erz—-
bischof ernannt ward, in Verwaltung gegeben; später ward
es in zwei Hälften nördlich und südlich des Gebirgsmassivs
der Ardennen aufgelöst, die unter der obern Aufsicht Bruns
verharrten. Der Mainzer Erzstuhl kam an Wilhelm, einen
außerehelichen Sohn, Trier an Heinrich, einen entfernten Ver—
wandten des Königs.
Die Herzogtümer wurden zu bloßen Amtern herabgedrückt
oder zerschlagen; sie wurden mit unbedeutenderen Kräften be—
setzt; die Mitglieder der königlichen Familie selbst und bald nach
ihnen fast alle vertrauten Freunde seiner Politik brachte Otto—
in die hervorragendsten kirchlichen Amter. Als Herzöge hatten
seine Verwandten und Anhänger ihm nochmals widerstanden;
als Erzbischöfe und Bischöfe sollten sie ihm, so durfte er hoffen,
mehr zu Willen sein.
Es war ein Schritt, der den politischen und sozialen Ein—
fluß im Reich völlig zu Gunsten der vom Herrscher geleiteten
Kirche verschob. Die Bischöfe wurden die Werkzeuge der Krone;