232 Sechstes Buch. Drittes Kapitel.
Im 10. Jahrhundert bildeten sich neben Reims auch Paris
und Orleans, allenfalls auch Sens und Tours zu Horten der
klassischen Studien aus, bis Fulbert, von 1007- 1029 Bischof
von Chartres, ein Schüler des großen Gerbert von Reims,
die blühende Schule in Chartres begründete, der neben Musikern
und Ärzten, Grammatikern und Theologen vor allem Berengar
von Tours entwachsen ist, der Bekämpfer der Abendmahlslehre
des Paschasius Radbertus, die erste aroße Gestalt im Vorhofe
der Scholastik.
Neben der klassischen Richtung in Nordfrankreich und
Norditalien machte sich bei den romanischen Nationen aber auch
eine volkstümliche Bewegung auf kirchlich-religiösem Gebiete
geltend, die ganz ähnlich wie in Deutschland zu Wunderglauben
und Askese führte. Und da sie nicht, wie in Deutschland, durch
einen nochmals eintretenden Aufschwung des Kaisertums und
eine ihm folgende erneute Renaissance behindert oder in andre
Bahnen gelenkt ward, so wuchs sie machtvoll empor zur leiten⸗
den Geistesstimmung der Romanen überhaupt.
Vertreten war sie anfangs in Italien zerstreut durch den
Süden und die Mitte des Landes, in Frankreich namentlich im
Süden und Osten.
Mittelpunkt der französischen Bewegung war sehr bald
das Kloster Cluny bei Mäcon. Inmitten wüster Einöde, die
nur von Jagdgeschrei und vom Gebell der Rüden widerhallte,
war Cluny im Jahre 910 vom Herzog Wilhelm von Aqui—
tanien in kärglicher Ausstattung begründet worden; als besonderes
Angebinde hatte es die unmittelbare Unterstellung unter den
Schutz Roms erhalten. So schon von vornherein unabhängig
gestellt, erhielt das Kloster zudem in Berno das Haupt der
klösterlich-strengen Bewegung des Südens als Abt: eine große
Zukunft schien ihm alsbald zu winken. Doch begann der
eigentliche Aufschwung erst unter dem zweiten Abte Odo.
Sprößling einer Familie der Maine fränkischen Ursprunges,
trat Odo erst als Mann in den geistlichen Stand; von strengster
Frömmigkeit und härtester Selbstzucht, brachte er für seine
Aufgabe vor allem neben wahrhafter Herzensgüte ein außer—