Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Erste Blüte individualistischen Geisteslebens. 181 
Handelsbeziehungen, das deutsche Kolonialgebiet und auch sonst 
der Nordosten von dieser Bewegung ergriffen. Aber man be— 
gnügte sich hier nicht mit der bloßen Aufnahme der Einfuhr, 
wie es zumeist im Gemälde- und Grabplattenimport der Fall 
war; man wurde selbständig thätig. Denn nach der bildneri— 
schen Seite vor allem erscheint die Bevölkerung der deutschen 
Kolonialgebiete wie überhaupt der nordgermanischen Länder 
der Ostsee beanlagt; zahlreiche Zeugnisse von den Wechsel— 
burger und Meißner Skulpturen an bis auf die plastischen 
Schulen Berlins und Dresdens in unserem Jahrhundert, und 
von den nordischen Schöpfungen der Wikingerzeit bis auf 
Thorvaldsen, Molin und Biörveson sind hier beweisend. Im 
15. Jahrhundert wurde zunächst Lübeck, dann auch die jütische 
Halbinsel Sitz reger bildnerischer Thätigkeit. In Lübeck, wo 
man schon um die Mitte des 15. Jahrhunderts trefflich in 
Erz gegossen hatte, entstanden Schnitzereien, wie der Johannes 
des Langschiffs der Marienkirche, und vor allem erblühte eine 
sehr rege Ausfuhr plastischer Werke nach Schweden und Däne— 
mark. In Schleswig-Holstein fand die Entwicklung über den 
Pretzer Altar der Frederiksborger Sammlung zu Kopenhagen 
hinaus ihren Höhepunkt um 1820 in der glänzenden Kunst 
Hans Brüggemanns von Husum. Brüggemann überschritt die 
rein naturalistischen Grenzen der bisherigen Plastik; er ver— 
traute sich den einsamen Pfaden an, die zu einer Idealisierung 
der naturalistischen Auffassung führen. Und er drang auf 
ihnen vorwärts, gewaltig und phantasiereich, übersichtlich und 
klar; seine Gestalten haben einen Zug ins Typische, Einfache 
und Große; sogar im Faltenwurf sind sie schlicht und er— 
haben: man spürt einen Hauch des Geistes, daraus Dürer seine 
Apostel geschaffen hat. 
Der westdeutsch-nordischen, an Werken weniger umfang⸗ 
reichen Plastik war seit den letzten Jahrzehnten des 15. Jahr⸗ 
hunderts immer fruchtbarer und vollkommener zugleich eine 
fränkische, zunächst in Nürnberg heimische Bildnerei zur Seite 
getreten, und bald gewann sie Einfluß auch in Schwaben und 
Bayern, Hessen, Thüringen und Sachsen, wo sie an den Ab—
	        
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