Weiterbildung der religiössen Ideen, soziale Revolution. 327
gegen die Städte vorgehen? Hörte er nicht aus ihren Worten
die Stimmen der Fugger, der Welser, aller jener Großkaufleute
heraus, denen er ewig verschuldet war, der finanziellen Stützen
der katholischen Welt? Und gedachte er jemals stärkere finan—
zielle Hilfe aus Deutschland' erhalten zu können, von wem
anders konnte er sie erwarten, als von den Städten? Schon
Macchiavelli hatte gesehen, daß die flüssige Wirtschaftskraft
der behäbigen Nation allein in den Städten lebe, aus ihnen
allein zu heben sei. Zudem: die teilweis zwinglischen und auch
ganz allgemein schweizerischen Neigungen vieler oberdeutschen
Städte waren dem Kaiser wohl bekannt. Sollte er den Anstoß
dazu geben, die Städte auf die Seite der Eidgenossen zu treiben,
deren unklare Haltung ihn in seiner italienisch-französischen
Politik fortwährend in peinlicher Spannung erhielt? Der Kaiser
ließ schließlich antworten: die Städte würden, falls sie ihm
rziemlich Hilfe und Steuer thun wollten, bei ihm und seiner
deutschen Botschaft gnädige und ehrbare Antwort und endliche
Abschaffung des Zolles finden.
Kein Zweifel: die Städte hatten in dem Kampfe um den
Reichszoll gesiegt. Denn wie hätte das Reichsregiment ihrem
und des Kaisers vereintem Willen widerstehen sollen? Und mit
dem Reichsregiment hatten auch die Fürsten, dessen Auftrag—
zeber, eine teilweise Niederlage erlitten.
Unter diesen Umständen hätten die Fürsten alles daran
setzen müssen, ihr Organ, das Reichsregiment, in jeder Hinsicht
zu halten und zu heben. Allein das Gegenteil geschah. Zum
Verständnis dieser merkwürdigen Schwenkung, in deren Verlauf
der letzte Versuch einer föderalistischen Reform im Sinne der
Zeit Kaiser Friedrichs IIIX und Kaiser Maxens zu Grunde
zing, müssen wir die Entwicklung einer schon längere Zeit in
den Vordergrund gedrängten sozialen Klasse verfolgen, des
niederen Adels.
Dem niederen Adel war längst sein eigentliches soziales
Lebensideal entzogen worden. Wo waren die Zeiten hin, da