342 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.
von Tirol griff er um sich bis ins Donauland, ins Salzburgische
und bis zu den Berg- und Hüttenleuten der steirischen Mark.
Den Mittelpunkt aber fand er im Herzen Tirols, in den
Thälern der Brennerstraße, in Meran und Brixen. Ein Meraner
Parlament der freien Bauern, die ihres Landtagsrechtes noch
immer genossen!, nahm hier den Plan radikaler politischer
Umgestaltung an, der dem Kopfe des früheren bischöflichen
Sekretärs von Brixen, Michael Gaißmayr, entsprungen war.
Darnach sollten die Kirchengüter im Lande säkularisiert, freie
Gemeindekirchen begründet, das Evangelium frei gepredigt werden.
Ferner sollten alle auf rechtlichem oder politischem Privileg
beruhenden Standesunterschiede, wie überhaupt alle Partikular—⸗
rechte beseitigt werden: der von der Kirche befreite moderne
Rechtsstaat, doch auf vornehmlich agrarischer Grundlage, war
das Ideal der Meraner Artikel.
Und dies Ideal hoffte man auf dem nächsten Innsbrucker
Sommerlandtage des Landes Tirol zu verwirklichen! That—
sächlich erreichte man nur einige, aber immerhin wesentliche
Zugeständnisse auf rechtlichem Gebiete: die bäuerlichen Lasten
wurden aufgehoben oder abgeschwächt, darunter auch der kleine
Zehnt; die Allmenderechte wurden wiederhergestellt und der Über—
vorteilung der ländlichen Bevölkerung durch kaufmännische Prak—
tiken vorgebeugt. Man sieht: Erzherzog Ferdinand kaufte sich
durch wirtschaftliche und soziale Zugeständnisse von den politischen
Forderungen der Bauern los. Diejenigen bäuerlichen Elemente
aber, die sich dem Kompromiß nicht fügten, wurden in ihrem
Widerstande blutig unterdrückt: bis tief ins Jahr 1826 dauerte
die Verfolgung.
Im Herzen des Reiches aber hatte inzwischen die Ent—
wicklung der Ideen innerhalb der Empörung wiederum einen
Schritt vorwärts gemacht: sie hatte die Pläne territorialer
Reformen durch den Gedanken einer großen politischen Reichs—
reform überholt.
Der Boden dieser neuen und größten Errungenschaft der
»S. dazu oben S. 77 f.