Full text : Neuere Zeit (Abt. 2)

152 Neunzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Rationalismus bestanden hatte, sondern es begann sich jetzt, da
inzwischen der philosophische Begriff der natürlichen Religion
entwickelt worden war, vielmehr um den Gegensatz zwischen
Vernunft und Offenbarung, zwischen Denken und Glauben
üͤberhaupt zu handeln. Nichts ist in dieser Hinsicht vielleicht
harakteristischer, als daß man schon, wenn auch erst in der
weiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, von dem ersten Systeme
zeiner rationalistischen Philosophie, dem des Descartes, in ge⸗
wissen Kreisen eine Vernichtung der reformierten Lehre be⸗
fürchtete: unde hoc periculi praesto est, ut Religio Reformata
 plane evadat Philosophica et deéficiat a vbuis prineipiis:,.
 Wie verbreitet allerdings schon in den letzten Jahr⸗
zehnten des 17. Jahrhunderts das bloß philosophisch-religiöse
Bedürfnis war, wird durch nichts besser bewiesen, als durch
den zunehmenden Drang, das Dasein Gottes mit neuen, ratio⸗
nalen Gründen, namentlich den physikotheologischen Newtons,
zu beweisen und Theodiceen zu verfassen; und ganz zutage
krat es dann seit etwa dem vierten Jahrzehnt des 18. Jahr—
hunderts und noch mehr seit dem Einströmen der radikaleren
Aufklärung der westlichen Nationen; namentlich die englische
Aufklärung, die Aufklärung eines freien evangelisch-reformierten
und zugleich stammverwandten Volkes hat hier gewaltig ein—
gewirkt.
Dies um so mehr, als die aufklärerische Auseinander—
setzung mit der Theologie voll nur auf protestantischem Boden
eingetreten ist. Zwar haben wir gesehen, wie sich die auf—
klärerische Strömung, wenngleich verspätet, auch in den katho—
lischen Ländern Bahn brach, aber ihre gegnerische Stellung
speziell gegenüber dem Katholizismus beschränkte sich hier an—
fangs auf den Versuch, nur gallikanische Freiheiten der Kirche,
nicht schon Freiheiten vom Dogma zu erwerben, einen Versuch,
der, literarisch von dem Trierer Weihbischof von Hontheim
Febronius) in seinem Buche „De statu écolesiae et legitima

Horn, Hist. écel. et pol. (Dugd. Batav. 1687), zit. Erdmanns—
dörffer 2, 148 Anm. 1.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.