258 Zwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
ziehen: während die französischen Einwirkungen bisher wesent—
lich von dem dichtenden Adel und den „Hofpoeten“ aufgenommen
worden waren, begannen sie jetzt auch die führenden bürger—
lichen Kreise zu ergreifen.
Sie trafen hier einen Boden, der schon seit den achtziger
Jahren des 17. Jahrhunderts nicht ganz ohne Vorbereitung
geblieben war. Wie in den vorhergehenden Jahrzehnten die
bessere deutsche Romandichtung, die in bürgerlichen Händen
lag, Front gemacht hatte gegen den Schwulst, so hatten sich
hier und da auch einige bürgerliche Theoretiker gegen ihn ge—
wendet, am entschiedensten vielleicht der große Polyhistor
Daniel Georg Morhof aus Wismar (1639— 1691). Scharf
sprach er sich in seinem „Unterricht von der Teutschen Sprache
und Poesie“ (1682) gegen die „Bidibumpoesie“ der Lohen—
steinianer aus: es müsse Maß gehalten werden, und die viele
metaphorische, mythologische und sonstige Gelehrsamkeit sei in
der Dichtung vom Übel.
Indes entschiedener als alle theoretischen Mahnungen
mußte ein Beispiel neuer, unschwülstiger, verstandesmäßiger
Dichtung wirken. Es kam, wie wir später sehen werden, aus
einem der wenigen großen Zentren geistigen Lebens in dieser
Zeit, aus Leipzig.
Inzwischen aber erhebt sich für uns immer dringlicher die
Frage, was denn während der bisher behandelten Entwicklung der
Lyrik aus den hoffnungsvollsten Zweigen der deutschen Dichtung
des 16. Jahrhunderts, aus Satire und Drama, geworden sei—
III.
l. Die Satire war seit dem 14. Jahrhundert aus dem
Bestreben entwickelt worden, immer besser zu charakterisieren:
auf diesem Bestreben beruht noch die Grobheit des 16. Jahr⸗
hunderts, wie sie in der Erfindung der Figur des St. Grobian
durch Sebastian Brant und danach in Dedekinds „Grobianus“
(1549) ihren klassischen literarischen Ausdruck fand.