302 Zwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
Handelskämpfe gegen benachbarte Nebenbuhler, namentlich Halle,
und das Emporblühen der Messen mit den guten kaiserlichen
Privilegien der Jahre 1497 und 1507. Und gleichzeitig mindestens
stellt sich eine ungewöhnliche Weite bürgerlichen Blickes ein.
Kein besseres Zeichen hierfür, als daß der Rat keine geschlossene
Körperschaft bildete; frisches Blut wollte man in ihm haben,
vor allem aufstrebende Kaufleute: „dan die sint weit gewandert
und wissen, wadurch ander stette in handeln und inkumen
gedeien, und trachten sulch gedei und zunehmen hie auch auf⸗
zurichten“, wie es ein Ratsbeschluß von 1513 ausspricht. Aber
neben den Kaufleuten waren auch die Gelehrten, namentlich
die Juristen, früh im Rate vertreten; neben dem bürgerlichen
Elemente machte sich ein anderes bemerklich, das der Universität;
und sehr bald und auf lange sind beide dadurch verschmolzen
worden, daß die Lehrer der Universität vielfach aus den Kreisen
der führenden Bürgerfamilien hervorgingen.
Gleichwohl kam es in der Sladt vor der Mitte des
17. Jahrhunderts nicht eigentlich zu einem höheren geistigen
Leben. Man ging in wirtschaftlichen und kommunalen Sorgen
auf, und nach Tagen des Aufschwunges erlebte man auch auf
diesem Gebiete während des Dreißigjährigen Krieges und noch
darüber hinaus schwere Zeiten: die Stadt geriet — noch sieht
man nicht recht, auf welche Art — in schwere Schulden; schließlich
wurde sie sogar von der kurfürstlichen Regierung — denn
Leipzig war und blieb sächsische Landstadt — unter Sequester
gestellt. Es ist die Periode, in der zugleich allein ernstliche,
aber vergebliche Bestrebungen der Gemeinde hervortreten, An—
teil an der Regierung und Verwaltung der Stadt zu erlangen.
Und auch nach Überwindung dieser kritischen Zeit, seit
spätestens dem letzten Viertel etwa des 17. Jahrhunderts, ist
Leipzig nicht eigentlich eine literarische Stadt und eine Stadt
öffentlichen Kunstlebens geworden. Wie eifrig hatten sich doch
die großen deutschen Gemeinden des Mittelalters im Luxus prun—
kender Bauten ergangen! Und wie blieb nicht bloß in den demo⸗
kratischen, nein, auch in den rein patrizisch verwalteten alten
Reichsstädten, in Nürnberg, Augsburg, Straßburg, Köln, Lübeck