Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Türkenkriege n. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 5363 
Entfaltung der Weltpoltik macht der nun beginnende 
spanische Erbfolgekrieg Epoche. Wie aber fanden sich in dem 
Getriebe, das sich nun entwickelte, die deutschen Interessen, 
die Interessen des Reichs gewahrt? 
Da war zunächst schon zur Zeit des Abschlusses der Großen 
Allianz die Zeit vorüber, daß man ein einmütiges Mitgehen 
aller Reichsstände mit dem Kaiser hätte erwarten können. 
Kurfürst Max Emanuel von Bayern hatte allerdings durch 
den Tod des Kurprinzen die kühnen Hoffnungen, welche dessen 
Anwartschaft auf den spanischen Thron in ihm erweckt hatte, 
verloren gehen sehen. Aber schon vorher war er, eben durch 
diese Anwartschaft, dem kaiserlichen Hofe, an dem er früher 
so gern geweilt hatte, entfremdet worden; bereits seit den 
neunziger Jahren residierte er als spanischer Generalstatthalter 
in Brüssel. Nun, nach dem Tode Karls II. und der Pro— 
klamation des Bourbonen zum spanischen König, war es sein 
Bestreben, aus den Trümmern seiner Hoffnungen, wenn nicht 
mehr, so doch wenigstens die Niederlande für sein Haus zu retten, 
und das schien ihm möglich nur im Anschlusse an Frankreich. 
So hatte er schon am 9. März 1701 ein vorläufiges Ver— 
teidigungsbündnis mit Frankreich und Spanien geschlossen 
und war dann in seine Erblande, die er von diesem Augen⸗— 
blicke an durch Osterreich bedroht wußte, nach München, zurück— 
gekehrt. Die Stellungnahme des bayrischen Kurfürsten aber 
war auch für den andern Wittelsbacher auf allerdings geist— 
lichem Thron, den Kurfürsten Joseph Clemens von Köln, 
zugleich Bischof von Lüttich und Hildesheim, maßgebend ge— 
wesen; noch im Jahre 1701 ließ er die Franzosen ins 
Lüttichsche ein und übergab ihnen kurkölnische Festungen am 
Rheine. 
So hatte denn Frankreich im Reiche festen Fuß gefaßt; 
gewann es auch von kleineren Fürsten vornehmlich nur den 
Herzog Anton Ulrich von Braunschweig⸗-Wolfenbüttel, so ge— 
nügte doch die Bundesgenossenschaft vor allem Bayerns, um 
den Schauplatz des kommenden Krieges tief ins Innere Deutsch— 
lands, besonders des Südens, zu verlegen.
	        
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