Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 561 
zu Versuchen vornehmlich der Vertreter der bourbonischen und 
habsburgischen Ansprüche gekommen, sich gegenseitig zu ver— 
gleichen, und hatte anderseits das spanische Volk sich mehr 
für die bayrische Kandidatur entschieden, zumal Max Emanuel, 
Joseph Ferdinands Vater, ein Herrscher von auerkanntem 
Rufe, ein in den Türkenkriegen bewährter Kriegsheld und 
eine einnehmende Persönlichkeit war. Diesen Sympathien der 
Nation hatte sich dann auch König Karl II. angeschlossen, und 
so hatte er die spanischen Niederlande dem bayrischen Kurfürsten 
nicht bloß als späteren Besitz, sondern auch schon als bei 
seinen Lebzeiten zu beherrschendes Land, übertragen: was 
leicht als Symbol künftiger Universalerbfolge betrachtet werden 
konnte. 
Und war es, vom europäischen Standpunkte und dem 
Standpunkte der Seemächte aus betrachtet, vielleicht nicht die 
beste Lösung, wenn das große Reich dem Prinzen eines minder 
mächtigen Hauses zufiel — jedenfalls aber nicht dessen Ver— 
einigung mit Österreich oder gar Frankreich, sei es auch nur 
in der Form von Sekundogenituren eintrat, deren eine das 
europäische, deren andere gar auch die leisen Anfänge eines 
universellen Gleichgewichts zu stören drohte? Denn Frankreich 
war schon eine beachtenswerte Kolonialmacht, der namentlich in 
Nordamerika reiche Erfolge winkten; die direkte oder indirekte 
Verstärkung durch den außereuropäischen Besitz Spaniens hätte 
ihm daher Neigungen geben können, sich zum Herrscher der 
Welt aufzuwerfen. 
So schien alles wohlbestellt, hätten sich nicht in den letzten 
Jahren Karls II. immer mehr Spuren französischer Wühlarbeit 
am spanischen Hofe gezeigt, denen natürlich das Bestreben 
zugrunde lag, den französischen Prätendenten in den Vorder— 
grund zu schieben. Zugleich aber kamen andere Bedenken. 
Den Seemächten schien es, bei der zunehmenden Unsicherheit 
aller Voraussicht dessen, was nach dem Tode Karls II. ein— 
treten könnte, doch besser, schon bei dessen Lebzeiten Verhand— 
lungen einzuleiten, deren Ziel die Zerstückelung des Erbes 
unter die Prätendenten war: so glaubten sie ihre Interessen
	        
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