Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

360 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel. 
welche die Zeit an die Umbildung der Heere überhaupt stellte. 
In manchen Dingen war ihm hierbei Schweden, die große 
Kriegsmacht des Protestantismus, besonderes Vorbild; wie denn 
auch die spätere militärische Durchbildung der Truppen und 
die Idee des Volksheeres, wie sie sich vornehmlich in Branden⸗ 
burg⸗Preußen entwickelte, zum ersten Male in Schweden in 
verwandter Weise verwirklicht worden ist. Man kann daher 
sagen: so wie der Große Kurfürst in friedlichen Dingen von 
einer anderen großen protestantischen Macht, den Niederlanden, 
gelernt hat, so hat er in gewisser Weise analog militärische 
Gedanken und auch Ideen der auswärtigen Politik im Baltikum 
von Schweden her aufgenommen. 
Das erste, was der Große Kurfürst in Sachen des Heer— 
wesens tat, war, daß er die ihm überkommenen Truppen, die 
dem Kurfürsten von Brandenburg und dem Kaiser zugleich 
geschworen hatten und meuterisch waren, auflöste. Dann warb 
er ein neues Soldheer an: 1646 8000, 1651 16000, 1655 
26000 Mann. Es war die Truppe, die sich im Jahre 1655 
bei Warschau bewährte?. Dabei traf er vor allem die sorg⸗ 
fältigste Auswahl der werbenden Offiziere und suchte diese 
namentlich dem heimischen Adel zu entnehmen. Dennoch kamen 
noch viele Ausländer und auch mancher gute Offizier aus fremdem 
Dienste: so Sparr aus österreichischem, aus schwedischem Quast, 
Pfuhl, Kanneberg, Derfflinger. Gleichwohl wies das Heer 
noch die meisten Schäden der Söldnerheere auf. Der Kurfürst 
war den Generälen und Offizieren noch verschuldet, und diese 
lebten frei, gegeneinander nicht selten in Totschlag und Überfall, 
ohne daß der Kurfürst recht einzugreifen vermochte. 
Demgegenüber versuchte der Kurfürst nun, wie teilweise auch 
seine Nachfolger, noch einmal an ältere, diszipliniertere Formen 
der deutschen Heeresverfassung anzuknüpfen?. So an das 
Landesaufgebot, die Resterscheinung des Volksheeres der Ur— 
Val. Bd. VI, 430 ff., auch, für sterreich, oben S. 535 ff. 
»S. oben S. 448 f. 
3 Val. Bd. VI, 422.
	        
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