Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 811
nahme auch etwas auf Maria Theresia abfärbte. Und weiter:
hatten sie sieben Jahre schweren Kampfes nicht gelehrt, von
dem hartnäckigen Verlangen nach dem Besitze Schlesiens schließ⸗
lich dennoch abzusehen?
Franzens Tod aber zog eine andere Veränderung von
noch größeren Folgen nach sich. Maria Theresias Erst⸗
geborener, Joseph, im Jahre 1764 einstimmig zum römischen
Könige gewählt, wurde nun Kaiser. Und damit erhob sich die
Frage, inwieweit eine Gemeinsamkeit der Regierung von
Mutter und Sohn innerlich erreichbar oder auch nur denkbar
war. In die Schwierigkeiten, die sich hier ergaben, führt
nichts besser ein als eine Charakteristik des neuen Kaisers
durch seine erste Gemahlin, Isabella von Parma. „Der Kaiser
besitzt ebensowohl große Eigenschaften als Fehler, auf die
man sehr achtsam sein muß. Es ist ein redlicher Mann, und
sein Herz ist gut, man kann auf ihn zählen als auf einen
wahrhaften Freund. Aber man muß sich hüten vor seiner Will—
fährigkeit, Leuten Gehör zu geben, welche in keiner Weise die
gütige Gesinnung verdienen, die er für sie hegt ... Im all—
gemeinen ist zu vermeiden, ihn jene Anhänglichkeit und jenes
wahrhafte Vertrauen erkennen zu lassen, welche man für die
Kaiserin hegt. Er ist eifersüchtig auf dieses Vertrauen, und
darum habe ich mit ihrer ausdrücklichen Zustimmung ihr zwar
mmer die Ehrfurcht und die Zärtlichkeit bewiesen, welche meine
Pflicht erfordert; aber ich habe niemals vor ihm die Gefühle
gezeigt, von denen ich für sie wahrhaft durchdrungen war.
Alles würde hierdurch verdorben worden sein, und das Glück,
der Kaiserin zu gefallen, hätte mir das Herz des Kaisers
völlig entfremdet.“ In welch seltsame Lage blickt man durch
diese so vorsichtigen und schließlich doch so offenen Zeilen!
Joseph II., heißspornig, leicht lenkdar, im höchsten Grade
assoziationsfäßhig und darum bei schwankendem Willen im
rinzelnen oft abspringend und ohne Schwierigkeit umzustimmen,
war doch in gewissen Gefühlsmomenten von jener hartnäckigen
Zähigkeit, die ein Kennzeichen von Charakteren seiner Art zu
sein pflegt. Und eines dieser Gefühlsmomente ging im tiefsten