Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

830 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel. 
Ciceros Buch „De senectute“. Es war die Wendung, die ihn 
den Anfängen des deutschen Neuhumanismus näher brachte: 
aus diesem Zusammenhange her grüßte der Greis unbewußt 
noch das neu erblühende Geistesleben seines Volkes. 
Daß er dies Leben freilich ergriffen hätte, wer wollte es 
behaupten? Scharf muß es betont werden, daß schon die 
Sprache ihn daran hindern mußte. Denn Friedrich las Deutsch 
nur mit Schwierigkeit und konnte deutschen Texten eigentlich 
nur folgen, wenn man sie vorlas. Es war die tragischste 
vielleicht aller Schlußerscheinungen des Alamodetums und 
der Französelei des 17. Jahrhunderts; denn bei seinem von 
grundaus deutschen Wesen blieb dem Könige doch auch das 
Französische im Innersten fremd; und eines der größten schrift⸗ 
stellerischen Talente der Nation brachte es im Deutschen zu 
nichts, und in französischen Versen nur zum vieux 
rimailleur tudesque. Das junge künstlerische und literarische 
Leben aber seines eigenen Volkes sah dieser geistige Anachoret 
nur von ferne; und so vermochte er es nicht zu verstehen. 
Sein absprechendes Urteil über die neue Dichtung hat dabei 
die Zeitgenossen am meisten geschmerzt: aber er hat auch die 
Musik der Anfangszeiten eines Gluck, Haydn und Mozart als 
zu einem Charivari entartet bezeichnet, und er hat von dem 
spärlichen Beginn einer neuen Zeit deutscher bildender Kunst 
überhaupt nichts gewußt. 
War es aber ein Vorurteil, das ihn diesen Weg führte? 
Oder nicht vielmehr eine unerhörte Tragik der Zeitstellung 
zwischen Individualismns und Subjektivismus, zwischen ab— 
solutistischem Hofleben und aufblühendem Bürgertum? In der 
Schrift „De la littérature allemande“ liest man die Worte: 
„Wir werden unsere klassischen Autoren haben; jeder wird sie 
lesen wollen, um von ihnen zu gewinnen; unsere Nachbarn 
werden das Deutsche lernen; die Höfe werden es mit Ver— 
gnügen sprechen, und es wird dahin kommen, daß unsere 
Sprache, verfeinert und vervollkommnet, sich dank unserer guten 
Schriftsteller von einem Ende Europas zum anderen verbreitet. 
Diese schönen Tage unserer Literatur sind noch nicht ge—
	        
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