Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 209
beinah völlig neue Vorgänge; das „gebildete Publikum“ hätte
durch seine Beiträge schon so ziemlich seine beiden größesten
Dichter erhalten können.
Die ersten deutschen Schriftsteller, die auf diese Weise von
ihren Honoraren zu leben gesucht haben, freilich nicht ohne
noch nebenher Hoffnung auf ein fürstliches Jahresgehalt zu
setzen, waren Klopstock, Lessing und Wieland: die Helden des
ausgehenden Individualismus und des emporblühenden neuen
Zeitalters. Denn vor ihnen hat höchstens der wunderliche
Philipp von Zesen als freier Literat zu bestehen versucht; und
die Berufsdichter noch des 17. Jahrhunderts waren die fürst⸗
lichen Pritschmeister und Hofpoeten gewesen. Man durchdringe
sich ganz mit der Bedeutung dieser Tatsache. Sie besagt zu—⸗
nächst, daß die Schriftsteller nun dem großen Publikum allein
zu dienen beginnen. Wo bleibt jetzt der feierliche Panegyrikus
des Humanisten auf das Wohlwollen irgendeines Fürsten oder
—
auch die höfische Lobhudelei des 17. Jahrhunderts? Das
Buchhändlerhonorar beginnt den Dichter und den Denker zum
vollen Herrn erst seines Schaffens zu machen. Und damit
ziehen ganz andere literarische Zustände ein: echt literarischer
Subjektivismus in gegenseitigem Wettbewerb; stärkstes Cliquen—
wesen, gegen das selbst das Geschützfeuer der Xenien wenig
hilft; Eindringen junger Männer; Überschätzung des Berufes;
einseitige Leidenschaft des Schaffens; der „Schriftsteller nach
der Mode“. Und den Übergang von den alten zu den neuen
Zuständen bezeichnet die Diktatur Gottscheds, die durch mehrere
Zeitschriften, die „Vernünftigen Tadlerinnen“ (1725), den
„Biedermann“ und andere ausgeübt wird, sowie der Kampf
gegen sie: das ist die kulturgeschichtliche Bedeutung der in
der literarischen Personengeschichte des 18. Jahrhunderts so
peinlich anmutenden Kämpfe der dreißiger und vierziger
Jahre.
Im allgemeinen Verlaufe unserer Erzählung aber hat die
Entstehung des Literatenstandes seit 1740 und 1730, so klein
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 1. 14