Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Übersicht über den inneren Verlauf des individualistischen Zeitalters. 13 
dabei einstweilen einen patriarchalischen Ausdruck, so geschah 
das unter der allgemeinen Nachwirkung der religiösen Inter⸗ 
essen noch in diesem Zeitraume, wie denn die gleichzeitigen 
nationalökonomischen Lehren noch ganz mit Theologie verquickt 
auftraten. In der zweiten Periode dagegen erschien einer— 
seits das öffentliche gemeine Interesse so gesunken, daß sich 
der Absolutismus widerstandslos entfalten konnte, und war 
anderseits der Individualismus sich so seiner selbst bewußt 
geworden, daß er in der nunmehr voll entwickelten naturrecht⸗ 
lichen Lehre vom Staatsvertrage das Mittel fand, von seinem 
Standpunkte aus, ohne diesen anscheinend aufzugeben, sogar 
den Staat zu konstruieren. Und dem Wirken der privaten 
und individuellen Vernunft in dieser Konstruktion entsprach 
auf volkswirtschaftlichem Gebiete das System des Merkantilis⸗ 
mus: der Versuch, die Staatswirtschaft nach der Analogie 
eines nützlich haushaltenden Privatmannes zu betrachten. 
Wie aber stellte sich nun zu all diesen Bewegungen die 
Entfaltung der Phantasietätigkeit? Es ist klar, daß die Ent— 
wicklung des 16. bis 18. Jahrhunderts auf diesem Gebiete je 
länger je mehr ungünstig verlaufen, ja daß sie unter der er— 
kältenden Einwirkung des Verstandeslebens mindestens in ihren 
leidenschaftlichen und besonders phantasievollen Tiefen je länger 
je mehr absterben mußte. In der Tat kam in ihre Schöpfungen 
auf allen Gebieten allmählich ein Zug des Verstandesgemäßen, 
Tändelnden, Schwülstigen, unter Umständen Frivolen, überwog 
allmählich die Form den Inhalt, war Glätte und absichtliche 
Munterkeit oder gemachte Bedeutung Vorbedingung des Beifalls, 
ging der Ernst verloren, hörte die Problemstellung auf. 
Nirgends aber zeigte sich diese Entwicklung deutlicher als 
auf dem Gebiete der bildenden Kunst. Die bildende Kunst ist 
an sich fast stets der beste Gradmesser des ästhetischen Ver⸗ 
mögens einer Zeit. Schon aus der besonderen Evidenz ihrer 
Denkmäler folgt das: denn diese bieten im Raume zwei⸗ und 
dreidimensionale und daher mit besonderer Eindringlichkeit 
unterrichtende generische Merkmale dar, die alle anderen 
Formen der Phantasietätigkeit erst im Verlaufe einer gewissen
	        
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